Let’s Play! Eine neue Aufgabe!

Lasst uns spielen! Eine Aufforderung aber auch eine Bitte. Lasst uns bitte spielen. Hindert uns nicht daran. Wir spielen und wollen es auch weiter tun. Gemeinsam.

In den letzten Jahren hat sich die Let’s Play Gemeinde stark vergrößert, getrieben zum einen von der Aufmerksamkeit, der Öffentlichkeit des Ganzen und zum anderen von der scheinbaren Goldgrube für Youtube-Partner. Wie auch beim Microstock-Hype, hält sich der wahre finanzielle Nutzen in deutlich ausgezeichneten Grenzen, die weit von dem entfernt sind, was sich glänzende, geldgierige Augen versprechen. Was also motiviert so viele Youtuber Tag ein, Tag aus ihre Videos hochzuladen, Zeit und Geld zu investieren und sich in der Community zu beteiligen?

Seit einem Monat bin ich dabei. Seit einem Monat versuche ich mein bestes und veröffentliche regelmäßig Let’s Plays auf Youtube. Und seit einem Monat weiß ich warum es so viele von uns gibt. Es macht einfach Spaß. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr Spaß, als die Spiele einfach nur so zu spielen. Erinnerungen an Szenen in den Spielen bleiben länger im Gedächtnis und bei manchen Spielen lacht man hinterher zusammen mit seinen Zusehern in den Kommentaren über aberwitzige Situationen. Zuschauer schreiben einem PMs mit Verbesserungsvorschlägen, Lob, Anregungen und Anfragen zur Zusammenarbeit. Die Feedback-Loop Rückmeldeschleife motiviert einen weiterzumachen, weiterzuspielen und sich und seine Videos weiter zu verbessern. Bei kaum einem Spiel geht das so gut wie bei Minecraft.

Zwar gibt es Let’s Plays zu jeder Art von Spiel, jedoch eignen sich gerade Freiformspiele zu dieser Form des kreativen Ausdrucks. Dort kann man nicht nur im Spiel selbst die eigene, verwirrte Persönlichkeit zum Ausdruck bringen, sondern ist auch im Kommentar und in der Gestaltung der Folgen frei genug, um das immer wieder gleiche Spiel so unterschiedlich zu gestalten, wie die Persönlichkeiten der Menschen dahinter. Zwar wird in diesem Fall ein Gruft-Let’sPlay von Minecraft mit einem ewig jammernden, schwarz geschminkten Gesellen weniger Erfolg haben, da die meisten LP-Zuschauer doch vor allem unterhalten werden wollen, aber der Freiraum zur Gestaltung ist doch enorm. Aus diesem Grund habe auch ich mich Minecraft gewidmet und folge damit nicht nur einem “Trend”, sondern vor allem den eigenen Vorlieben. Ich spiele Minecraft schon seit der frühen Pre-Alpha und bin seit über zwei Jahren auch großer Fan von unterschiedlichsten Minecraft LPs auf Youtube. (Gronkh, Vareide, AntVenom, usw.)

“Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich irgendwo ein Fenster”

Was macht man, wenn man gar nicht weiß, welches Fenster sich öffnen soll; wenn es zu viele Fenster gibt und hinter keinem versteckt sich die Aufgabe, nach der man gesucht hat? Im Verlauf der letzten Jahre hat sich mein Job zu meiner Berufung entwickelt und alles andere in meinem Leben verdrängt. Selbst das Computerspielen trat in den Hintergrund. Nachdem mir nach fast fünf Jahren bei Funcom und der überraschenden Entlassung (wirtschaftliche Gründe), irgendwie die Aufgabe genommen wurde, und mein persönliches Glück nicht nur durch die Arbeitslosigkeit einen großen Knick gemacht hat, bin ich jetzt wieder auf eine andere Weise Teil der Spielergemeinde (und Arbeitergemeinde, dank Anstellung seit dem 1. Februar). Nur diesmal auf Seiten der Teilnehmer. Da Teilnehmer von Teilen kommt, werde ich meinen Wirrkopf und tolle Spiele mit euch teilen.

If Apple copied the Swiss railway clock design, they didn’t do it well

Since these news have been filling the Swiss newspapers, I thought I’d take a look at the topic in a little more detail. SFR claims, that Apple stole their iconic design of the simple, rudimentary Swiss railway clock designed in the 1940′s. I’d say if they did, they didn’t do it well.

The similarities

  • White background
  • Black numbering
  • Red second hand, with a dot at the tip

The differences

  • Length of hands
  • Width of hands
  • Thickness of minute strokes
  • Length of minute strokes
  • Shape of hands
  • Difference in hands thickness

Why do I say they didn’t copy it well? The differences that they didn’t copy are what make the Swiss clock so well designed for its purpose. The hands are subtly shaped to point in the pointing direction, while the Apple version are perfectly straight, not guiding the eye. The hour hand is thicker, so the eye immediately finds it. The minute strokes are thick, so they can be read from afar and the hands are longer and reach farther into the minute markings, so there is never any doubt what stroke they are pointing too.

All in all Apple didn’t copy all those qualities of the original, they just used a generic basic clock design, that’s been around for ages and put it on the phone app. They didn’t apply even remotely the same attention to detail the original designer did. If they stole the design, they should get a better eye doctor, because they kind of missed all the important usability points of the original design.

Ciao Italia! Ciao Milano!

Ich war noch niemals in Italien. Diese Aussage alleine dürfte in Deutschland schon für Verwirrung sorgen, da wir geschichtlich geradezu verbandelt sind mit dem stiefelförmigen Land am Mittelmeer. Italiener haben Deutschland nach dem Krieg geformt, unsere Speisekarte als eine der ersten fremdkulinarisch ausgebaut, unsere Frauen geschwängert und insgesamt für ein bisschen mehr Farbe in Nachkriegsdeutschland gesorgt. Zum Dank sind wir dann zahlreich, gesponsert durch den Wirtschaftsboom und die fetten Jahre, nach Italien gepilgert und haben Italiens Tourismusindustrie auf den Plan gerufen.

Die erweiterte Tatsache, dass ich direkt an der Schweizer Grenze, kurz vor den Alpen und damit in Spuckreichweite vom Comer-See wohne, macht das ganze noch merkwürdiger. Da ich jetzt aber schon über vierzehn Jahre mit einer Italienerin zusammen bin, ist es geradezu frevelhaft, dass ich mich noch nie im Land süßen Weines und der lautstarken Handsprache habe blicken lassen.

Diese Woche war es dann so weit. Meine Freundin und ich hatten den Entschluss gefasst, uns mit dem Auto durch die Alpen zu wälzen und in Mailand für zwei Tage ein bisschen Italien zu schnuppern. Dass wir Italien nicht nur geschnuppert, sondern auch gegessen haben und ich 1,6kg in Form von Hüftgold mit nach Hause gebracht habe, tut hierbei nichts zur Sache.

Die Autoreise war wundervoll. Als Flachlandbewohner ist man sonst nie so von den majestätischen Bergen, den weißen Spitzen und den schwungvoll fließenden Serpentinen, die einen den Berg hinauf und hinab geleiten, eingekesselt.

Auf dem Hinweg entschied sich unser Navi uns von der Autobahn herab zu leiten (blindes Vertrauen in Technik jaja…) und führte uns über eine alte Serpentinenstraße durch ein kleines schweiz-italienisches Bergdorf, das meine Freundin frohlocken ließ, da sie sich sofort an ihre Heimat in Süditalien erinnert fühlte (d.h. kaputte Häuser und Straßen – mehr Schlaglochpfad als Teerfläche, vergilbte Schilder, abgeblätterter Lack, verbeulte Autos. Heimat ist für jeden eben was anderes). Ich fand die Serpentinen prima. Mein Auto auch. Meine Freundin nicht.

Als wir dann über die Grenze kamen, der erste Kulturschock. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden in Italien anders gelesen, als geschrieben. Es scheint eine Art von internen Faktor zu geben, mit dem Italiener ihre Verkehrsschilder lesen. Wenn da etwa steht 60, dann fahren alle 120. Wenn da 80 steht, dann ist 140+ angesagt. Gibt es keine Beschränkung, dann ist die gesetzliche Beschränkung auf 130 mit der Einladung zur beliebigen Geschwindigkeitsüberschreitung zu deuten. Da ich mir nicht sicher war, wie sich dieser interne Faktor berechnet, ich aber nicht als deutscher Schleichonkel auffallen wollte, habe ich mich einfach an den schnellsten Italiener rangehängt und bin über die unfassbar schlecht gebauten Autobahnen geflogen. Ein Teufelsritt mit Adrenalingarantie. In Mailand selbst lernte ich ein weiteres Kommunikationsmittel der Italiener. Nicht nur Hände, sondern auch Hupen sind als Universalkommunikationsmittel zu gebrauchen. Wenn man also abbiegt, hupt man. Wenn man das nicht macht, dann macht es sicher irgend ein anderer, der unzufrieden ist über den Abbiegevorgang, das Wetter oder das Mittagessen daheim. Wenn man über eine rote Ampel fährt, weil man es grad eilig hat und nicht warten will, hupt man einfach. Wenn man mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, die Ampel zu rot ist, die Frauen zu dick, der Vordermann zu langsam… einfach hupen.

Nicht nur der Verkehr, sondern auch der Schlafplatz des heiligen Gefährts ist Grund zur Sorge. Obwohl es ein gut ausgebautes S-Bahn Netz gibt, möchte anscheinend trotzdem jeder Mailänder sein eigenes Auto haben. Die Stadt war also vollgestellt mit Autos. Jeder Fleck, der nicht offensichtlich als Privatgelände tituliert war, wurde zum Parkplatz definiert. Die Gehsteige wurden zweireihig zugestellt und die spärlichen Grünflächen zwischen den Bäumen (Mailand ist ziemlich grün für eine Stadt) unter der Autolast erdrückt. Kurzum: Es war kein Platz für uns und unseren Golf. Aber halt, da ist ja ein Parkhaus. Denkste. Hier ist ein Parkhaus ein Privatparkplatz, der von Mitarbeitern beparkt wird. Ich musste also meinen Autoschlüssel abgeben, bekam eine Quittung und ein kleiner Asiate machte sich sogleich daran mein Auto irgendwo zwischen die anderen, durchweg teuren, Karossen zu parkieren parken. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch rollten wir unsere Koffer zum nahegelegenen Hotel.

Nachdem wir eingecheckt hatten, machten wir uns auf in die Stadt und atmeten die Atmosphäre Mailands. Eine wundervolle Stadt, vollgefüllt mit Flair, schönen Gebäuden, protzigen Parks, Geschichte, Mode, Menschen und nervigen Afrikanern, die einem irgend einen Mist andrehen wollen, bis man schnell lernt Augenkontakt zu vermeiden und mit einem bestimmenden “No!” ihren Verkaufsschwall im Keim zu ersticken.

Mitten in der Stadt steht das Castello Sforzesco. Eine beeindruckende Festung/Schlossanlage, deren größter Charme eine Katzenmannschaft im Burggraben darstellt, die uns beide in Verzückung stürzte. Ein Glück für die niedlichen Biester, dass der Graben tief genug war, sonst wären sie dem Knuddeleifer von Geraldine hilflos ausgeliefert gewesen.


Wir verbrachten dann den Tag damit, unser Geld in den verschiedenen Läden Mailands liegen zu lassen, uns den Bauch mit italienischem Essen vollzustopfen – ein toller Stand namens il Siciliano freute uns besonders, da er Arancini und allerlei süditalienische Köstlichkeiten zu fairen Preisen anbot – und die Atmosphäre der Stadt zu genießen. Als Muttersprachlerin konnte Geraldine das Reden übernehmen, was zugegebenermaßen ungewohnt war, da ich sonst die Schnatterschnute von uns beiden bin, und so alle Geschäfte für uns erledigen. Einige der Verkäufer/Bedienungen waren sofort entspannter und freundlicher, als sie merkten, dass Geraldine eine “von ihnen” war.

Woran bemerkt man einen anderen deutschen Urlauber in Mailand? Nicht etwa nur daran, dass er deutsch spricht, nein, er motzt. Jedes deutsche Gespräch, das wir mitbekamen war irgend eine Beschwerde, Kritik oder negativ gefärbtes Kommentar. Aber auch andere Kulturklischees wurden von den anwesenden Touristen befriedigt. Wir saßen in der Fußgängerzone unter einer Straßenlaterne auf einer Parkbank, als eine ältere Frau mit einem kleinen Salatteller sich hinter uns setzte. Sie kam gerade aus einem der vielen Restaurants. Auf meinen fragenden Blick monierte sie “we are not allowed to eat outside”. Ihr Akzent verriet ihre französische Herkunft. Aufgrund der Tatsache, dass natürlich jeder draußen sitzen will, zahlt man einen Aufpreis von 2€ für die Straßenplätze. Sie hatte sich ihren Salat drinnen gekauft und wollte sich dann draußen hinsetzen. Der Kellner verwies sie des Platzes, denn auch die Karten für drinnen und draußen hatten andere Produkte und Preise. Ganz typisch Französin protestierte sie, indem sie sich demonstrativ auf die Parkbank setzte und so eben doch draußen essen konnte. Großartig wie sich die kulturellen Unterschiede in uns allen manifestieren :D.

Es waren zwei tolle Tage in Mailand. Die Menschen sind sehr warmherzig, freundlich und direkt, ohne aufdringlich zu sein, wie so manche(r) Verkäufer in Deutschland und die Klamotten, Schuhe und Produkte sind von toller Qualität und einer Vielfalt, die man hier in Deutschland vergeblich sucht.

Als wir uns am nächsten Tag gegen 16 Uhr auf den Heimweg machten, hielten wir noch schnell an einem Lidl(!) und machten das Auto bis oben hin voll mit italienischen Produkten, die man in Deutschland nicht so einfach bekommen kann (Fonzies!) und fuhren dann glücklich, dicker und ein bisschen ärmer zurück nach Hause. Italien, wir sehen uns bald wieder, so viel steht fest.

Tanz der Kulturen – Tag 2 & 3

Die letzten beiden Tage vergingen wie im Flug. Wobei, vielleicht ist Fliegen einfach keine gute Metapher was mich angeht, denn die 1:20 h Flug kamen mir vor wie eine Ewigkeit. Also gleich nochmal: die letzten beiden Tage waren schnell gegessen. Ja, das klappt besser. Schnell fressen essen kann ich.

Wir hatten Presse Hands-On Vorführungen, die folgendermaßen abliefen:

  • Zwei Pressevertreter pro Funcom-Mitarbeiter (3 davon vorhanden)
  • 30 Minuten Hands-On einer exklusiven Missionsreihe (eine Gruppe nach der anderen)
  • Am Mittag hatten wir 30 Minuten Pause.

In den zwei Tagen hab ich mir also nicht nur den Mund fusslig geredet, sondern auch die volle journalistisch-kulturelle Breitseite abbekommen. Ich bin zwar auch schon über vier Jahre bei Funcom, aber eine solche Vielfalt hatte ich noch nie in so kurzer Zeit an der Backe. Folgende Dinge sind mir dabei aufgefallen und diese Beobachtungen erheben keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind nur die Wiedergabe persönlicher Erlebnisse:

  • Deutsche Journalisten: außergewöhnliche viele Nachfragen auch während der eigentlich sehr straffen Präsentation. Alle Anwesenden haben sich Notizen vom Erlebten und Erzählten gemacht. Obwohl nicht alle MMO-Spieler waren, haben sie die Spielmechaniken sehr schnell begriffen und gut umgesetzt.
  • Russische Journalisten: großes Interesse an den Spielsystemen. Sehr schnell taktische Verwendung von Fähigkeiten zu beobachten. Ansonsten still und fokussiert.
  • Französische Journalisten: Höflich. Still. Nachfragen zum Storyverlauf und dem Sinn hinter der Mission. Wenig MMO-Spieler dabei. Schwierigkeiten bei Encountern.
  • Spanische Journalisten: Diskutierten wie wild mit ihren Kollegen während der Präsentation, hörten mir eigentlich fast nicht zu, waren aber offensichtlich sehr involviert.
  • Japanische Journalisten: akribische Notizen (eine Frau), Bildschirm wurde abfotografiert und es war die größte Begeisterung zu spüren mitsamt Jubel beim Erlegen der Feinde.
  • Britische Journalisten: Kumpelhaft. Betont locker.

Als sinnlos detailverliebter Spinner fand ich diese Unterschiede sehr spannend und habe sie mir notiert, damit ich sie hier zum besten geben kann. Am spannendsten war die Präsentation für die japanischen Journalisten, die einen Dolmetscher dabei hatten. Der sprach nur Englisch, also musste ich einen fast 20-minütigen Redeschwall auf nur eine Hand voll wohlformulierte Sätze zusammendampfen. Als krankhafter Dampfplauderer und Weitausholer viel mir das schwer und es war mit Sicherheit die anstrengendste Präsentation von allen, nach der mir der Schweiß auf der Stirn stand, da ich fast so gewählt sprechen musste, als würde ich einen knapp formulierten Marketingtext schreiben.

Die Veröffentlichung des Secret War, der sich zum Zeitpunkt an dem ich diesen Blogpost schreibe – Donnerstag 0:08 Hotelzimmer – gerade in Wartung befindet, war großartig. Es war irre spannend für uns alle während der kurzen Mittagspause nachzuschauen, wie sich die Verteilung auf der Welt entwickelt hatte, wie unglaubliche viele Spieler aktiv daran teilnahmen und zur gleichen Zeit spielten. Ich hoffe, wir können die Facebook-Auflagen schnell erfüllen und die Spieler wieder in den Machtkampf schicken.

Am Ende des ersten Pressetages hatten wir dann zur Feier ein absolut herrliches Steak in einem tollen Steakhaus in London, das ich so schnell nicht vergessen werde. Dafür alleine haben sich der Flug und all die Strapazen gelohnt. Manchmal isst man und es schmeckt nicht nur, sondern es macht einen von innen glücklich.

Heute Abend dann aber war die Krönung. Erling ist ein großer Musical-Fan und hatte direkt nachdem wir den Tag abgeschlossen hatten und die Presseleute davon gewackelt sind, den tollen Einfall in Sweeney Todd zu gehen, das gerade hier in London spielt. Noch jetzt tanzen mir die Melodien im Kopf und ich summe einige davon vor mich hin, während ich diesen Text verfasse. Eine großartige Vorstellung. Tolle, überzeugende Darsteller und eine schaurig-bösartige Geschichte mit tollen Charakteren und einer überzeugenden “Moral-von-der-Geschicht”.

Ein Wort noch zu den Taxis in London. London is a hobbit town. Auch die Taxis sind wirklich für kleine, schmale Menschen gebaut. Zu dritt nebeneinander ist das ein Quetschfest und mit zwei mittelgewichtigten Norwegern fühlte ich mich wie eine Presswurst in der Pelle.

Morgen früh geht es für mich zurück nach Hause, ein weiterer Flug steht mir bevor, bis ich endlich wieder meine Freundin in die Arme schließen kann. So triefend schleimig wie das Ganze für manche klingen mag, aber auch nach vierzehn Jahren ist eine Woche ohne sie für mich fürchterlich. Mit diesen Gedanken schließe ich den Post ab und die Äuglein zu. Gute Nacht London. Gute Nacht John-Boy.

Tube-Town ich komme – Tag Eins

Eine kurze Zugfahrt zum Flughafen Zürich und schon war ich in den Lüften in die Hauptstadt der Teetrinker. Der Himmel hatte mir eine Herde Schäfchen in die Wolken gemalt und über den Feldern von Frankreich wagte ich zitternd einen Blick aus dem Fenster – ich habe Flugangst. Der Anblick war dann aber so schön, dass ich mir etwas entspannter ein Buch zur Lektüre nahm – The Elements of Typographic Style – und mich über den Wolken grenzenlos frei wissentlich bereicherte.

Der Anflug auf London Heathrow war etwas holprig und mein Magen tanzte zur Belustigung seiner Mit-Organe Samba. Schwitzend, aber lebendig gelandet, begrüßte mich gleich ein gut bekannter Schweizer. Nicht etwa Tarib, sondern die Flughafen-Schrift schlechthin, Frutiger; die vom eben gleich-genannten Schweizer Adrian Frutiger gestaltet wurde und über die Jahrzehnte den Weg in viele Flughäfen der Welt gefunden hat. Vielleicht fragt sich jetzt mancher, wieso mir das auffiel; deshalb verweise ich erneut auf meine Lektüre während des Fluges. Seit etwa einem Jahr vertiefe ich mich nun schon in die Typographie und habe große Freude daran Schriftarten in der Öffentlichkeit zu bestimmen/erkennen und mein Wissen zu erweitern. An dieser Stelle sei den Gestaltern des ansonsten netten London-Heathrow Airport aber ein typografischer Tadel gegolten. Manche Schilder waren unverständlicherweise in einer blockigen Serif-Schriftart gesetzt, die so gar keinen Platz im Schilderwald, oder der Informationshierarchie fand und hier und da stolperte man über die alt-bekannte Helvetica. Schade eigentlich, denn das Leitsystem konnte mich ansonsten ganz gut durch den Flughafen geleiten.

Dann stapfte ich zu einem Informationsterminal, wo ich einen freundlichen Herren darüber befragte, wie ich denn am schnellsten zu meinem Hotel finden könne. Das war ein Infostand für Heathrow connect, einem Zugsystem, dass den ambitionierten Businessreisenden und Touristen schnell ins Stadtzentrum bringen sollte. Ich erklärte ihm, dass ich etwa zur Underground-Haltestelle Knightsbridge, unterhalb des Hyde Parks, gelangen wollte. Daraufhin schaute er mich etwas verwirrt an und meinte “you’d be better off takin’ the tube, man”. Dafür erntete er von mir als London-Neuling nur einen unverständlichen Blick. Er nahm dann Haltung an und formulierte für mich in feinstem Oxford-English – er nahm wohl an, dass ich ihn nicht verstanden hatte – “the train only drives till Paddington station. You should rather take the tube on Piccadilly line”. Da fiel bei mir endlich der Groschen und ich war um eine Erfahrung reicher. Die “Tube” ist der umgangssprachliche Begriff für die U-Bahn Londons.

Also ab in das unterirdische Verkehrsmittel. Als Nicht-Städter war das meine erste Fahrt in einer U-Bahn, da ich bisher nur oberirdische Züge kannte. Die Sitze waren extrem niedrig, so wie auch die Decke, die höchstens 1,95 hoch war, zu den Seiten rund abfiel und so kam ich mir vor, als säße ich in einer Hobbit-Bahn; noch dazu in einer etwas älteren, da die Reise zur Knightsbridge Station so holprig von Statten ging, als wäre ich direkt in die Anfänge der Eisenbahn katapultiert worden. Sogar das charakteristische ratatatata der alten Eisenbahnwägen, wenn sie über die, heutzutage mit Gummistücken gelätteten, Zwischenräume der Schienen fuhren, ist hier erhalten geblieben. Steampunk-Town.

Angekommen im Hotel blieb mir erstmal die Spucke weg. Es lohnt sich ein Illuminaten-Informant zu sein. Mein Hotel-Zimmer ist größer als meine halbe Wohnung. Eine bequeme Couch lädt zum Verweilen ein und ein Lederstuhl am, mit einer Glasplatte bedeckten, Tisch, zum stilistisch einwandfreien Arbeiten.

Neben dem Hotel ist der Hyde-Park und ich bin für eine viertel Stunde darin herumspaziert, habe mir die furchtlosen Eichhörnchen angeschaut, die bis auf einen Meter herankommen und einfach nur so verteufelt süß dabei sind, dass ich mir am liebsten eines eingepackt hätte. Ganz spannend fand ich aber dann, dass direkt an einer Barclay’s Fahrrad Mietstation eine junge Frau, unter dem wachsamen Auge ihres Vaters, Fahrrad fahren lernte. Als Landei ist dieses Bild befremdlich, da ich mir kaum vorstellen konnte, dass eine fast erwachsene Frau kein Fahrrad fahren kann. Menschen in einer großen Stadt leben eben nach ganz anderen Gesichtspunkten. Immer wieder spannend.

Jetzt werde ich mich wohl erstmal mit Nahrung erfüllen, um dann morgen mit vollem Elan die Vorbereitungen für das Presse-Event am Mittwoch und Donnerstag zu treffen.

Die Universum-Verschwörung

Im Bus zum Flughafen – eine Reise nach London steht an – bin ich auf einen außerordentlich verärgerten Busfahren getroffen und habe mir sogleich das erste verfügbare Fettnäpfchen geschnappt, um dem Herren den Tag zu versüßen, oder so zumindest verhielt er sich.

Ich betrat wie immer den Bus, nannte mein Reiseziel und wartete auf eine Antwort… diese blieb aber aus, also bückte ich mich leicht, um die Preisanzeige betrachten zu können, zückte die benötigten Münzen und legte sie auf den Kassiertisch vor dem Fahrer. Da dieser für etwa 10 Sekunden nicht reagierte, fummelte ich das Geld selbst in die Löcher, woraufhin er erbost anfing irgendwas zu brummeln und dann in eine Hasstirade verfiel und mich beschimpfte, wie blöd ich denn sei und was mir einfiel. Ich entschuldigte mich und versicherte ihm, dass ich EUR hineingeworfen hatte und er sich selbst überzeugen könne, indem er von oben in das Einwurfloch hineinschaute; das genügte dem Herren aber nicht, er wollte sich gar nicht überzeugen und wetterte weiter, wer so etwas denn machen würde und überhaupt. Ich entschuldigte mich abermals und versicherte ihm erneut, dass ich ihn nicht betrügen wolle, ich keine türkischen Lira bei mir tragen würde und setzte mich an einen Sitz und dachte über die Situation und den Generalverdacht nach, unter den mich der Busfahrer gestellt hatte.

Die Busfahrt schritt fuhr fort. Etwa zehn Minuten Fahrt später hielt der Bus für eine Weile an einer Haltestelle, da er wohl Zeit aufgeholt hatte und da es draußen regnete, hielt der Fahrer die Türen geschlossen.

Und da geschah es wieder, das Universum hatte sich sicherlich gegen den armen Mann verschworen. Ein Duo von Frauen ging zur Fahrertüre und wollte offensichtlich einsteigen, der Steuermann hielt es aber nicht für nötig die Türen zu öffnen, weswegen die beiden begannen nach einem Türöffner zu suchen. Entschlossen betätigte eine der Frauen den Notöffner und setzte gekonnt mit einer Handdrehung die Hydrauliktür außer Kraft. Es war wieder Zeit für eine neue Tirade und so sprang der Fahrer auf, drückte die Türen auf (die ja jetzt nicht mehr funktionierten) und brüllte die zwei verwirrt-dreinblickenden Frauen an, ob sie noch ganz dicht seien, wie man sowas denn machen könne und ob das Universum sich gegen ihn verschworen habe (ok der letzte Teil war erfunden, aber ich bin mir sicher, genau das ging in seinem Kopf vor). Die beiden Frauen verstanden kein Wort, denn sie waren des Deutschen nicht mächtig und konnten so auch die Warnbeschreibungen am Notfallschalter nicht lesen. Das interessierte freilich unseren Fahrer wenig, der wetterte weiter, während er versuchte seine Bustüre wieder zu reparieren.

An der Stelle hörte ich die umstehen Fahrgäste tuscheln. Sie alle waren der Meinung des Busfahrers. Wie könne man nur. Was den beiden denn einfallen würde und ich dachte mir… “sind die beiden Frauen heute Morgen aufgestanden und haben sich gedacht, dass sie heute einem Busfahrer so richtig den Tag versauen wollen. Haben sie durch die Glastüren gelinst, das grummelige Gesicht gesehen und ihr Opfer ausgewählt? Gibt es einen logischen Grund anzunehmen, dass all dies nur geschah, um den Busfahrer zu ärgern und die beiden älteren Frauen die Bustür mit Absicht außer Kraft gesetzt haben?” Wenn man die Fragen so stellt, ist die Antwort sicher jedem klar. Trotzdem waren fast alle Fahrgäste um mich herum sofort der Meinung, es war absolut richtig, die zwei Frauen zusammenzufalten und sich aufzuführen, wie eine männliche Furie.

An der Stelle habe ich dann kurz über meine Reaktion in solchen Situationen nachgedacht. Wie häufig regen wir uns über unsere Mitmenschen auf, weil wir ohne nachzudenken annehmen, alles was sie tun, sei nur dazu da uns den Tag zu versauen? Wie häufig unterstellen wir anderen immer das schlimmste? Wie viel Streit und Unbill entsteht selbst in langjährigen Partnerschaften nur, weil man annimmt, die Handlungen anderer stünden in einer direkten Beziehung zur eigenen Person?

An dieser Stelle werden sicher einige sagen, dass man ja so nicht denken kann. Trotzdem handeln aber die meisten Menschen danach, da wir uns selbst unterbewusst in solchen Situationen die Welt immer durch das ich-zentrierte Weltmodell erklären. Egal wie erwachsen wir auch sein mögen, das kleine Kind steckt im Kern und um diesen Kern dreht sich das Universum. Erst wenn wir uns kurz eine Sekunde Zeit nehmen, uns die Situation bewusst machen, sind die meisten von uns zu einer differenzierten Betrachtungsweise fähig.

Ich kann auch nicht ehrlich behaupten, dass ich den Frauen gegenüber so gnädig gedacht hätte, wenn ich nicht direkt davor Opfer eines ähnlichen Missverständnisses geworden wäre. Aus diesem Grund werde ich jetzt, solange ich mich an die Sache erinnere, was auch der Hauptgrund für diesen Text ist, versuchen, etwas bewusster auf die Lauer legen und auch mich selbst und meine Reaktionen auf solche oder ähnliche Situationen betrachen.

John Carter of Failure?

Public media loves nothing more, than spreading the word of bad news. Since no one wants to be late for the party, they start spreading the bad news as early as possible. Even more so, they start to fabricate their own bad news, by spilling the beans, using the viral nature of negativity and generating a self-fulfilling prophecy. They have forgotten their responsibility towards the people, towards the human lives they touch with their work. You may ask, “why start a blog-post about a movie called John Carter, by talking about such a hefty topic?” The proof reason is in the pudding.

John Carter is a character from a novel called A Princess of Mars. Many, if not most of you  reading this, have never heard of him, but you’ve seen his legacy in one way or the other; be it through the vistas of Tattoine, the technological mystery, the mythical aspects of the strongest media license in history: Star Wars, or you’ve seen the six-legged creatures in Avatar, met the reluctant hero stereotype in countless books and movies. All these were inspired by the creative creation of Edgar Rice Burroughs, who wrote his stories at the beginning of the last century. Many of the examples I just listed, are verified by their creators, they list Burroughs as their source of inspiration. It’s not a secret hidden agenda of a fanboi speaking.

Along comes the cynical media. The beast that always stirs. Sniffing for a carcass to rip, or if the need be, the potential helpless prey, that can be turned into such a dead piece of meat. After the first shots of the green men of Mars, the vistas of the red planet had been released, the wheels of bullshit were in full motion.

  • That looks like Avatar, just with green aliens
  • We already have one Star Wars, we don’t need another
  • We cry foul at this poor mans imitation of Avatar

I cry foul at the ignorance on display. I cry foul at the short-sighted, intolerant, destructive behavior of the beast media. They couldn’t wait; couldn’t offer a chance. They had to attack like a group of hyenas, a lonely wandering lion. A strong, proud lion. How could they attempt to bring down the creative creation of a hundred years worth of history? How could they destroy the work of so many talented individuals involved in this production? A production they hadn’t even seen. The lion was doomed from the start.

After the hyenas had charged and taken a couple of bites, more and more of the foul beasts came along, everyone with a mouth full of acid to spit over the poor thing, that was down on the ground, before it had ever taken a step on the savanna. An unable marketing campaign ruined the chance for the public to attach to the project, despite the doom and gloom saying of the ignorant media. The prophecy was fulfilling itself.

But the beasts weren’t satisfied. After bringing down any hope for a big opening weekend, they lay waiting. The lion got back up and the start of the movie was upon the world. They already knew what was going to happen. After they had done their utmost best to kill the project, the lion still opened with a 30 Million weekend in the US (it’s nothing brilliant, but it is far from a total disaster). That couldn’t be! They wanted it to be the biggest failure in movie history, or else their bullshit would not be true, so the hyena horde attacked again. It struck and bit; it pissed and spat. The beast had to die a horrible death, the defeat had to be perfect, or else… Cynical media.

Though I couldn’t help but to remind myself who drives the media. The media is a reflection of ourselves. A reflection of the culture we’ve created. Cynical media? Or cynical you? Think about what you consume; what you reward with attention. They only write, about what you want to read.

… oh and: go watch John Carter! Don’t believe the cynical media, the negative hype. Make up your own mind. It won’t change your life, but you’ll have a bloody good time, guaranteed!

Sklavenfeuer – Kapitel 2 – Teil 2

Ein lautes Pochen an der Tür riss Rahin aus dem Schlaf. Sofort fuhr ihm eine Angst in die Glieder, die ihn lähmte. Sie hatten ihn gefunden! Er sprang auf und sah sich wie ein nervöses Tier um, auf der Sache nach einem Ausweg, doch da war nur diese eine Tür und kein Fenster, das ihm eine Flucht ermöglicht hätte. Er sah hinüber zu Ikhlas, der langsam und gemütlich aus seinem Bett aufstand und ihn fragend anblickte.

“Was denn, was denn? So nervös schon so früh am Morgn? Leg dich wieder hin, Junge.” Mit ruhiger Stimme und langsamen Schritt ging er zur Tür und Rahin gefror das Blut in den Adern. Er wurde verraten! Er hatte doch gewusst, dass man diesem alten Mann nicht trauen konnte. Er beugte sich zu seiner Schlafmatte hinab und zog das Messer aus der Bettrolle. Sie würden ihn nicht kampflos überwältigen, nicht noch einmal würde er ohne Erinnerung in einem Käfig aufwachen und willenlos seiner Freiheit beraubt werden!

Die Tür öffnete sich und der Diener, der ihm Essen gebracht hatte, stand an der Tür und blickte freundlich in Richtung des angespannt, zum Kampf bereit stehenden Rahin.

“Der Kleine iss noch ein bisschn aufgeregt wegen Gestern. Komm erstma rein Ishfaq. Der wird sich sicher gleich beruhigen, ” sagte er, während er Rahin einen ernsten Blick zuwarf, “das wird er doch sicherlich, nich wahr Rahin? Beruhige dich endlich, du machst am Ende Ishfaq noch ganz nervös”. Ikhlas bedeutete Ishfaq hereinzukommen und wies ihm einen Hocker am Tisch zu, klopfte ihm freundlich auf die Schulter, setzte sich daneben und sah hinüber zu Rahin, der noch immer ungläubig auf die Situation starrte. Sein ganzes Wesen hatte sich darauf eingestellt, jetzt und in diesem Augenblick um sein Leben zu kämpfen. Er sah an sich hinab und betrachtete das lächerliche Brotmesser, das er krampfhaft in Händen hielt. Dann musste er lachen und zweifelte an seinem Verstand. Er hatte ernsthaft geglaubt mit diesem Messer einen Kampf gegen die Wächter des Sklavenhändlers führen zu können. Kopfschüttelnd lief er hinüber zum Tisch und setzte sich neben Ishfaq und Ikhlas.

“Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, verzeiht mein Herr,” er sah Ishfaq dankbar an.

“Mein Name ist Rahin, Sohn des Tuliak. Ich bin ehemaliger Hauptmann der Garde von Akbitana. In meiner Not wart ihr der Retter und habt mir Hoffnung gegeben, wo ich im heißen Wüstensand keine vermutete. Ich bin euch auf ewig zu Dank verpflichtet.” Er neigte seinen Kopf.

Ishfaq war gerührt, denn schließlich hatte er nur getan, was ihm sein Gefühl sagte. Er war noch nicht so lange in den Diensten des Händlers gewesen und so waren die einzelnen Schicksale eines jeden Sklaven für ihn eine Gräuel. Jedem sah er mit Mitleid nach und jedem Neuling hatte er versucht mehr Essen zu bringen, als es ihm erlaubt war. Er selbst wurde von seinen Eltern als kleiner Junge schon in die Sklaverei verkauft und kannte das freie Leben nicht. Sein erster Herr war jedoch ein gutmütiger alter Gelehrter und so hatte er außer einfachen Hausarbeiten, keine größeren Pflichten gehabt und die Zeit in Gefangenschaft, war für ihn eher wie eine Kindheit bei einem reichen Großvater gewesen. Der Alte hatte ihn Lesen und Schreiben gelehrt, hatte ihn in den Büchern lernen lassen und so einen Gelehrten aus ihm gemacht. Das Mal auf seiner Brust jedoch bestimmte sein Leben und noch ehe der Alte ihn kurz vor seinem Tode endgültig freigeben konnte, hatten die habgierigen Kinder des Alten dafür gesorgt, dass sie noch ihren Gewinn aus seiner Existenz ziehen konnten. Vor einem Jahr wurde er an den Sklavenhändler verkauft und hatte seit dem drei Karawanenzüge mitgemacht und über vierzig Sklaven kommen und gehen sehen. Die Botschaft der Schriftstücke und das große Herz seines alten Herren hatten ihn Demut und Mitleid gelehrt und so berührte ihn jedes Schicksal aufs Neue und er half den Opfern so gut er es eben konnte.

“Ihr beschämt mich mein Herr. Ihr habt es nicht verdient in Sklaverei zu Leben, ihr seid nicht wie ich von euren Eltern verkauft worden. Die Gesetze wurden gebrochen, um euch und so viele andere in diese Situation zu bringen.” Ishfaq neigte sein Haupt gegenüber dem, in seinem Kopf noch immer ihm höher gestellten Herren.

Rahin war erstaunt über die Demut, die dieser Diener an den Tag legte. Er hatte sich immer als einen der einfachen Soldaten und Wächter gesehen. Niemals wollte er der Sohn eines höheren Standes sein, der sich nur durch das Geld und die gesellschaftlichen Bände seines Vaters behaupten konnte. Er wollte schon als kleiner Junge seine eigenen Leistungen vollbringen und aus dem Schatten seines mächtigen Vaters treten. Die Sklaven seines Hauses waren ihm gern zugeteilt, da er sie wie Menschen behandelte, sie teilweise sogar mit Silber für ihre Dienste entlohnte, sodass sie sich trotz ihres unfreien Lebens auf dem Markt heimlich etwas kaufen konnten. Schon als Kind erschien ihm ein anderer Mensch immer dem anderen gleich, egal welche Hautfarbe, Herkunft oder Geburt er auch haben mochte.

“Es ist niemals wirklich rechtens, wenn ein Mensch in Sklaverei kommt. Mir ist klar, dass es unmöglich ist unsere Welt zu ändern und die Sklaverei auch ein wichtiger Teil vieler Gesellschaften geworden ist, dennoch verwehre ich mich dieser Ansicht und werde sie niemals teilen, noch verteidigen. Wie wir geboren werden bestimmt schon mehr als genug. Es gibt keine gleichen Möglichkeiten für alle etwas aus ihrem Leben zu machen. Dieser Umstand ist schon ungerecht genug, ganz ohne, dass einige privilegiert geborene Bürger es sich herausnehmen, andere wie Dinge zu handeln. Ihr müsst euch nicht erniedrigen, egal was die Regeln der Gesellschaft vorschreiben. Regeln wurden eines Tages erst geschrieben, davor gab es sie nicht und deshalb können und müssen sie auch immer wieder hinterfragt und angezweifelt werden.” Rahin hatte sich fast in eine feurige Wut geredet und stand aufrecht, als würde er vor dem Rat stehen und seinen Punkt verteidigen. Ikhlas hatte sich interessiert zurück gelehnt und seine Ausführungen gelauscht, als er langsam anfing zu grinsen und dann laut zu lachen.

“Was? Wieso lacht ihr? Denkt ihr nicht genau so wie ich? Wir zwei sind doch das beste Beispiel für diese Ungerechtigkeit!” Er fühlte sich bloßgestellt und schnaubte vor Wut, da er eine Antwort erwartete.

“Ach Junge,” sagte Ikhlas mit beschwichtigender Stimme, “in unsrer Welt ist so vieles ungerecht, da gilts nimmer zu zähln. Nimm dir was de brauchst und hoff, dass dich keiner dabei erwischt. Aber ich denke du hast schon Recht mit dem was de sagst. Die ganzen Weiber bei denen ich gelegen bin warn irgendwie alle gleich. Mal hübscher, mal hässlicher, mal wilder, mal zarter, aber irgendwie warn sie alle nur Weiber. Die weißhäutige Dame vom Hofe schrie genau so, wie die anderen und vergaß ihre Manieren und die gute Erziehung. Nur wolln das die Mächtign nich hörn. Das würde bedeuten, dass se kein Recht ham uns alle so zu scheuchn wies ihn grad passt, also bleibn die alten Werte bestehn.”

Die Ausführungen des alten Mannes brachten Rahin wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Er war nicht in der Position einen religiösen Kreuzzug gegen die Sklaverei zu führen, ganz besonders nicht, da er selbst ein Sklave geworden war.

Er sah zu Ishfaq hinüber und sagte, “Wie hat der Händler reagiert? Sucht er mich oder vermutet er, dass ich Hilfe bei meiner Flucht hatte?”

Ishfaq antwortete, “Heute Morgen gab es großes Gerede. Er schrie die Wachen an und trat die Leiche des Wachmannes und spuckte auf ihn aus Wut. Er vermutet niemandes Hilfe und lies sofort alle Wachen ausschwärmen, sodass sie die nähere Umgebung untersuchen konnten. Im Augenblick ist er fest davon überzeugt, dass ein Sklave ohne Kleidung und Geld nicht weit gekommen sein konnte. Ich denke, er wird alles daran setzen euch wiederzufinden, da ihr relativ nah an eurer Heimat seid und mit etwas Geschick, könntet ihr zu eurer Familie zurückfinden. Er weiß zwar nicht wer ihr seid, da er euch einer Gruppe Halsabschneidern abgekauft hatte, die wohl den Auftrag bekommen hatten, euch aus dem Weg zu schaffen, dennoch ist er sich sicher bewusst, dass ihr mächtige Verbündete haben würdet. Die nächsten Tage werdet ihr auf jeden Fall in dieser Hütte bleiben müssen, oder, um ganz sicher zu gehen, solltet ihr vielleicht in einem anderen Stadtteil Unterschlupf finden.”

“Aber der Kerl kann doch nicht alle Türen im Gesindeviertel eintretn, um nach Rahin zu suchn. Die Leute hier sind zwar arm, aber nich ganz bescheuert. Die würdn ihm was erzähln und nach kurzer Zeit würd er sich einign blanken Klingen gegenüber sehen.” Ikhlas wollte nicht, dass Rahin die Hütte verlässt, da er seit langer Zeit der erste Vertraute war, der im selben Boot saß und zugleich im Kampf geschult war. Er hatte sich erhofft nach der Abreise des Sklavenhändlers seine Geschäfte mit Rahin ausweiten zu können. Ein zweites paar Fäuste konnte in Akhlat den Unterschied zwischen Jäger und Gejagtem machen. Dennoch war er sich über die Möglichkeit bewusst, dass der fette Wicht im Falle von Rahin nicht so schnell würde aufgeben können, wie er das bei ihm, weit entfernt von einem feindlich gesinnten Zuhause, hatte tun können.

Der Diener wandte sich dem Hauptmann zu.

“Ich befürchte mein Herr, dass ihr etwas mehr wert seid und er deswegen auch bereit wäre deutlich mehr Geld in die Hand zu nehmen, um euch aus dem Versteck zu locken. Ihr wart ein außerordentlich gutes Geschäft. Wer auch immer euch von der Bildfläche verschwinden lassen wollte, war nicht nur grausam, sondern auch sehr wohlhabend”.

Rahin kam ins Grübeln. Neben all den Fluchtgedanken waren immer wieder diese Vermutungen aufgekommen, diese Gedanken an den Übeltäter, der dieses unfreiwillige Abenteuer erst losgetreten hatte. Aber diese Gedanken würden ihn jetzt nicht weiterbringen und so verbannte er sie aus seinem Geist und versuchte eine Lösung für das jetzige Problem zu finden.

“Ihr solltet dringend wieder zurückgehen und allen bei der Suche nach mir helfen. Ich möchte es nicht verantworten müssen, dass euch, der mir so viel Güte und Hilfe zu Teil werden ließ, etwas zustößt. Bitte geht kein weiteres Risiko ein, ihr habt schon genug für mich getan.” Mit Nachdruck sah er dem Sklaven des Händlers in die Augen und versuchte seinen Worten noch mehr Gewicht zu verleihen. Er würde jetzt erst einmal überlegen und zusammen mit Ikhlas die nächsten Schritte genau planen müssen  und dabei wäre Ishfaq keine Hilfe.

Ishfaq war sich über die Gefahr in die er sich gebracht hatte bewusst, wollte aber die Informationen, die er gesammelt hatte unbedingt weitergeben, da er befürchtete, dass der Händler diese Hütte finden würde.

“Ich werde zurück zum Händler gehen und ihr könnt euch derweil überlegen, welche nächsten Schritte ihr unternehmen werdet, um euer Leben in Sicherheit zu bringen. Viel Glück”. Er stand auf, nickte den beiden ehemaligen Kriegern zu, verließ zügig die Hütte und verschwand in den engen Gassen des Gesindeviertels von Akhlat.

Im Innern der Hütte herrschte betretenes Schweigen. Viele schwere Worte waren gesagt worden und die Handlungsmöglichkeiten für alle Beteiligten waren zugleich gefährlich eingeschränkt und doch so unsicher und offen. Ihre nächsten Schritte würden über Freiheit oder Gefangenschaft entscheiden.

Sklavenfeuer – Kapitel 2 Teil 1

Ein leises Kratzen holte Rahin aus seinem unsicheren Schlaf. Seine Brust brannte wie Feuer und erinnerte ihn daran, dass er die Erlebnisse der heutigen Nacht nicht geträumt hatte. Er setzte sich vorsichtig auf und sah sich um. Es war stockfinster, nur die Sterne warfen ein fahles Licht und er konnte kaum etwas erkennen, als er ein leises Zischen am hinteren Rand des Wagens hörte, „psst. Psst! Endlich bist du wach, Junge“, flüsterte eine leise Stimme.

„Komma her, ich muss mit dir reden, Junge.“

Rahin war vom Schrecken der Nacht noch benommen und kroch, ohne weiter nachzudenken, möglichst leise über das Stroh seines Wagens zum hinteren Ende, das fast am Ausgang der Seitengasse lag. Im schwachen Sternenlicht konnte er den scheinbar leblosen Körper einer Wache und die Schemen eines vernarbten Gesichts sehen, das ihm aus einem mit Zahnlücken versehenen Gebiss schief entgegen lächelte. Rahin starrte ihn ungläubig an.

„Sag erstma nix. Wir müssn hier weg, sonst ziehen se uns die Hammelbeine lang“, sagte das Narbengesicht und deutete mit der Hand in Richtung Ausgang der Seitengasse. Der entstellte Unbekannte schlich vorsichtig und leise um den Wagen herum und machte sich am Verschlussriegel des Käfigs zu schaffen. Mit einem leisen Ächzen der Eisenscharniere bewegte sich die sich nach oben öffnende Seitenklappe und ohne weitere Fragen zu stellen, schnappte sich Rahin seinen Umhang unter dem Stroh und glitt unter der schmalen Öffnung hinaus in eine ungewisse Freiheit. Leise schlichen die beiden von Blicken geschützt hinter dem Wagen entlang und rannten dann zügig und geduckt die letzten paar Meter, bis sie aus der Seitengasse hinaus waren. Rahin folgte der unheimlichen Gestalt ohne Fragen zu stellen. Die Art und Weise wie sein Retter sich durch die Straßen bewegte, deutete für ihn darauf hin, dass er sich nicht nur auskannte, sondern auch wusste, welche Gassen man genau wie nehmen musste, um etwaigen Blicken fern zu bleiben. Als Rahin für einen Augenblick nach oben sah und er den Nachthimmel ohne diese verteufelten Gitter sah, brannte das Herz in seiner Brust vor Freude und der Schmerz, der ihn an sein Mal erinnerte, war erst einmal vergessen.

Für den äußeren Beobachter scheinbar ziellos, führte ihn der Unbekannte durch die Gassen von Akhlat, um dann abrupt vor einer der vielen Hütten stehen zu bleiben. Er wandte sich zu Rahin um, stieß mit einem Arm die Tür auf und bedeutete ihm einzutreten.

“Wir sind am Ziel angekomm, Junge. Jetz aber rein mit dir”

Kurz überlegte Rahin, ob er mit diesem blinden Vertrauen nicht das eine Unglück durch ein anderes ersetzte, war sich aber dann doch darüber bewusst, dass er ohne diesen merkwürdigen Kerl noch immer in seinem Käfig sitzen würde. Er stieß den Gedanken von sich und trat ein in die von schummrigem Kerzenlicht erhellte Kammer. Sie war etwa vier auf vier Schritt groß, quadratisch geschnitten, die Wände waren fensterlos, der Boden bestand aus festgetrampelter Erde und war mit mehreren, einfachen Teppichen bedeckt. In der vom Eingang aus linken Ecke stand eine Holzpritsche, auf der ein Bett eingerichtet war, gegenüber an der rechten Wand, stand ein kleiner Tisch, auf dem zwei Krüge, zwei Teller, eine Kerze und verschiedenes zu Essen aufgebahrt war; direkt neben der Eingangstür zur Rechten war ein Regal, das einige Bücher, Kleidung, Geschirr und eine Set-Statue beherbergte. Es schien so, als war diese ganze Sache schon länger geplant gewesen, da der Zustand des Tisches, die zwei Hocker daneben, das zusätzliche Bettzeug, was zusammengelegt am Fuße des Bettes lag darauf hindeuteten, dass der Rahin so merkwürdig vertrauenswürdig erscheinende Mann einen Gast erwartet hatte. Die Tür schloß sich hinter Rahin, der Mann trat um ihn herum zum Tisch und setzte sich auf den Hocker, der zur Tür zeigte und präsentierte zum ersten Mal sein vollständiges, vernarbtes Gesicht, das von einer schiefen Knubbelnase gekrönt war. Strähniges, schwarzes, kurz geschnittenes Haar hing ihm spärlich ins Gesicht und er lächelte wieder. Er deutete auf den zweiten Hocker und sprach freundlich, “so jetz aber. Mach’s dir gemütlich.”

Rahin schritt langsam zum Tisch herüber und setzte sich zum ersten Mal seit über einer Woche wieder auf einen Hocker.

“Wieso habt ihr mich befreit? Und viel wichtiger, wer seid ihr überhaupt?” Rahin konnte nach der gespannten Stille nicht mehr an sich halten und sprudelte nur so vor Fragen.

“Iss erstma was. Ich werde dir derweil ne Geschichte erzähln und so hoffntlich auch gleich ein paar deiner Fragn” brummelte der Alte mit gutmütiger Stimme. Rahin ließ sich nicht zweimal Bitten und griff zu, denn der Tisch war vergleichsweise luxuriös gedeckt mit verschiedenen Früchten, Trockenfleisch, Brot und Nüssen. Hier inmitten der Wüste, so nahe an einer Oase, konnten viele Arten von Pflanzen angebaut und mit dem nötigen Wasser das ganze Jahr über versorgt werden, sodass sie mehrmals im Jahr Früchte trugen. Deshalb waren die Marktstände in der Stadt immer reichhaltig mit einem Überfluss an Früchten gedeckt und die Bewohner reichlich versorgt. Während Rahin also kräftig zulangte und seinen Magen und Mund mit wohltuenden Speisen füllten, setzte der Vernarbte zu seiner Geschichte an.

“Es war einmal ein alter Haudegen… ach ne weißte was? Machn wir ganz anders. Ich kürz das en bisschen ab.” Er fummelte an seinem Hemd herum und zog es aus. Auf seiner Brust prangte das Zeichen eines Sklaven und sein ganzer Körper war übersät mit Narben, die von Schwertern und Pfeilen herrührten. Rahin hatte gerade einen Krug zu Trinken angesetzt und verschluckte sich.

“Mein Name ist Ikhlas, ich war mal en Krieger, so wie du. Das iss jetz aber auch schon wieder zehn Jahre her. Die Geschichte is nicht so spannend. Ich komm eigentlich aus einer Stadt im nördlichen Stygien. Dort war ich stationiert, um die Übergänge des Styx zu bewachen und entsprechnd Zölle von den shemitischen Händlern zu kassiern. Unser Hauptmann hatte ne hübsche Frau und… er war nich so ganz der Mann, den sie sich versprochn hatte, also hab ich diesn Platz ausgefüllt.” Er lachte kurz gezwungen, bis ihm das Lachen in der Kehle stecken blieb und er einen Augenblick vor sich hin starrte.

“Der elende Hund hatte davon gehört, dass ich seiner Frau die Nächte verschönerte und konnte das Ganze nicht vor den Männern klären, die längst davon wussten. Also ließ er mich eines Nachts von irgend son paar Halsabschneidern abtransportiern. Die Hunde hattn aber nich vor mich einfach nur im Styx zu ersäufen. Die schafften mich übern Fluss und verkauften mich an diesen fetten Hund, dem ich auch dieses Bild auf der Brust zu verdankn hab”, er rieb sich die Brust, als würde ihm das Mal noch heute Schmerzen bereiten.

“Jo… das wars dann auch schon. Wir kam hier an, ich hab mir inner Nacht einen der Wachn geschnappt, die so hirnlos warn zu nah an den Käfig zu kommen und hab ihn mit bloßen Händn erwürgt, den Bastard. Raus ausm Käfig, rein in das Gesindeviertel der Stadt. Der Fettsack hatte noch zwei Tage nach mir suchn lassen, bis er sich dann endlich aus der Stadt verzogen hatte. Mit dem Mal konnte ich mich nirgends mehr Blicken lassen. Jede Stadtwache hätt mich sofort festgenommen und übern Styx zu schwimmen, inner Hoffnung, meine alten Kameraden würde für mich einstehn, war auch keine echte Wahl. Also hab ichs mir hier gemütlich gemacht”, er deutete mit einer Armbewegung auf das Innere der Hütte.

“Diese Hände”, sagte er, während er seine groben Pranken betrachtete, “könn Stehlen und Töten. Mehr braucht ma hier nich, um in Ruhe gelassn zu werdn”.

Rahin schluckte gerade einen großen Bissen mit einem Schluck Wasser hinunter und platzte dann hervor, “woher wisst ihr, dass ich ein Krieger bin und wieso habt ihr mich befreit? Es war doch ein Risiko für euch. Was versprecht ihr euch davon?”

Der Alte lachte, “haha, na was meint ihr? Seit der Zeit versuche ich den fettn Hund zu ermorden, wenn er sich hier Blicken lässt. Das iss nich gerade häufig und er hat wohl gehört, dass ich ihm ans Leder will. Da ich nich an ihn rankomme, dachte ich mir, stehle ich ihm ein paar seiner Sklavn. Er stellt zwar immer Wachn auf, aber die wissn nich wie ihnen geschieht. Alle noch grün hinter den Ohrn diese Söldlinge, pah! Ich habe schon Shemiten in unwegsamen Ruinen der nördlichen, stygischen Wüste die Köpfe abgerissn, da ham ihre Mütter noch in die Hosen geschissn… nich, dass die Schlampen bis heute damit aufgehört hättn… viel mehr als laufende Scheiße ist das junge Volk eh nich.”

Er hielt kurz Inne, um selbst einen Schluck aus seinem Becher zu nehmen, schaute kurz zu Rahin hinüber, lehnte sich nach vorne und schlug ihm kräftig und ermutigend auf die Schulter, “na jetz! Schau nich so bedeppert, Junge. So iss das Leben eben. Einmal zu viel den Zauberstab Sets in die falsche Schlangehöhle geschobn und schon bezahlste mit dem Leben dafür… Set gibts und Set nimmts.”

“Oh achja, ich hatte von irgend so einem Diener gehört, du wärstn ganz Netter und da ich gesehn hab, dass sich der fette Hund inzwischen nur noch mit sein Wachen ins Bettchen legt, weiß Gott, wasser den armen Jungs antut, dacht ich mir, da hol ich dich doch einfach ma raus. So, jetz kennste die Geschichte. Ich hab ja gesagt, is weniger spannend, als man annehm würde, wenn ma so eim Kauz wie mir durch die Gassn einer nächtlichn Stadt gefolgt is, aber so siehts nunmal aus.” Er verschränkte die Arme, um seinen Standpunkt zu unterstreichen und lehnte sich gemütlich gegen die Wand seiner Behausung.

Rahin hatte sich den letzten Bissen Brot in den Mund geschoben und schaute Ikhlas nachdenklich an. In all dem Trubel hatte er nur reagiert und niemals selbst die Initiative in die Hand genommen, auch hier in dieser Hütte angekommen, hatte er sich einfach nur Treiben lassen und hatte sich fast wortlos den Mund mit Essen und Trinken vollgestopft.

“Ich..,” Rahin nahm eine raue Hand von Ikhlas in beide Hände, kniete sich hin und senkte den Kopf, “ich bin euch zu tiefstem Dank verpflichtet. Verzeiht meine Manieren. Die Umstände haben mich vergessen lassen welches Risiko ihr eingegangen wart und welch’ gute Tat ihr getan habt. Bei den heiligen Schlangen eures Gottes, vielen Dank.”

Ikhlas war von dieser Geste tief im innersten seines alten, grauen Herzens gerührt und half dem immer noch erschöpft wirkenden Rahin auf die Beine, “nichts zu Danken, Junge. Nichts zu dankn. Ich habe nur gemacht, was mir meine altn Knochn befohln habn. Seit die große Schlange mich in diese Lage brachte, folgte ich nur noch meiner Nase und die folgte nur noch dem Wind, der sie in die eine oder andere Richtung drehte. Ha! Es ist schon ein verrücktes Leben”. Ikhlas schüttelte verbittert lächelnd den Kopf und lief hinüber zum Fuße des Bettes, wo das Bündel an Kleidung lag.

“Hier, Junge. Nimm das. Du wirst es brauchn, um dein Mal zu verbergn und dich, nachdem der Kerl seine Suche beendet hat, frei in der Stadt bewegn zu könn’. Komm aber nicht auf die Idee abzuhauen und dein Heil in der nächsten Stadt zu suchn und gehe nicht vor die Tore, wenn die Wachen wechseln. Die Schweine werden dich ansonsten untersuchen, das Mal finden und dich als entflohenen Sklaven einfangn, damit sie sich die fette Belohnung einstreichn könn.” Er reichte Rahin das Bündel an einfacher Kleidung, das aus einer Galabea – eine Art Nachthemdschnitt aus den südlichsten Gebieten (Shem, Turan, Stygien, usw.) des hyborischen Zeitalters – und einem Kopftuch, das man zu einem Turban aufwickelte, bestand und ihn klar als Bewohner des Gesindeviertels identifizierte. Dankbar nahm er die Kleidung an und streifte sich die ockerfarbene, aus einem mittelfeinen Leinen gearbeitete Galabea über. Er schaute an sich herunter und fühlte sich mit vollem Bauch und gehüllt in halbwegs brauchbare Stoffe zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder wie ein Mensch.

Rahin half Ikhlas die restlichen Nahrungsmittel wieder zu verpacken und legte sich dann den übrigen Schlafsack auf einem möglichsten geraden Stück des unebenen, festgetrampelten Bodens zurecht.

“Was wird als Nächstes geschehen?” Er schaute Ikhlas fragend an.

“Ich schätze… der nichtsnutzige Fettsack wird eine wilde Wut bekommn und versuchn dich ausfindig zu machn. Er wird so viele Hütten wie möglich untersuchen, bis das Gesindel zu viel davon bekommt und ihn in hohem Bogen ausser Stadt wirft. Danach werden wir uns en bisschn umschauen. Vielleicht können wir es zu zweit schaffen uns hier einen Namen zu machn. Alleine war mir das imma zu heikl. Aber das sind alles Gedankn, die wir morgen auch noch pflegen könn. Jetz schlaf erstma und keine Sorge, die Tür hält einiges aus.”

Rahin legte seinen Kopf auf die gerollte Decke, die er als notdürftiges Kissen improvisiert hatte und seine Gedanken kreisten. Er war jetzt ein freier Mann, mit dem Mal eines Sklaven auf der Brust und ohne Papiere, die seine wahre Identität beweisen konnten. So sehr er Ikhlas auch zu Dank verpflichtet war, so sehr war ihm der alte Mann unheimlich und beim Gedanken an die rauen, alten Hände, die das Leben des jungen Wachmanns so lautlos ausgelöscht hatten, griff er nach dem Messer, das er sich unauffällig in die Decke seines Kopfkissens eingerollt hatte und hielt es für einen Moment fest. Eine unruhige Nacht stand ihm bevor, eine erste, unruhige Nacht in trügerischer Freiheit.

Sklavenfeuer – Kapitel Eins – Teil 4

Die Karawane war einige Tage weiter gezogen und Rahin hatte während all den Tagen versucht seine Maskerade aufrecht zu erhalten. Der Mantel war noch immer gut unter dem Stroh versteckt, dass ihm am Tage Schutz vor der Sonne bot, er hatte sich Nahrung, sowie Wasser stark eingeteilt und über den Tag immer versucht so viel wie möglich zu Schlafen, um nicht unnötig Energie zu verbrauchen. Langsam jedoch kamen ihm Zweifel an seinem Vorgehen und er war sich nicht mehr so sicher, dass es für ihn ein Entkommen gab. Ohne konkrete Pläne oder eine Möglichkeit, eine Lücke in der Überwachung, oder einem Weg aus diesem Käfig zu entkommen, würden alle Hoffnungen vergebens sein. Er hatte viel darüber nachgedacht, bei welchem Gelegenheiten er aus diesem Gefängnis entfliehen würde können, aber ohne äußere Einwirkung, zu diesem Schluss war er gekommen, gab es keine Möglichkeit.

Der Wagenzug war schon eine Weile an diesem Tag unterwegs und der Sonnenlauf war einige Stunden nach Mittag fortgeschritten, da kam wieder ein Rufen vom Kamelführer an der Spitze.

„Wir sind gleich an der Oase, nach diesem Hügel sollten wir das fruchtbare Tal sehen“, rief er mit freudiger Stimme zu seinen Kollegen hinüber.

Diese Worte waren für Rahin wie ein Schlag in den Magen. Der Tag war gekommen. Er markierte für ihn den Gipfel seiner Anstrengungen. Befreiung oder Untergang, für ihn schien es nur diese Möglichkeiten zu geben und da ihm noch immer kein brauchbarer Fluchtplan eingefallen war, schien ihm der Untergang, das Leben als Sklave, sehr viel wahrscheinlicher. Ein Gefühl der Erschöpfung lag auf seinen Schultern, obwohl er so erfolgreich überlebt hatte, schien jetzt die Niederlage unausweichlich.

Wie der Kameltreiber gesagt hatte, öffnete sich ihnen der Blick auf ein fruchtbares Tal. In einer Senke, die von ihrem gedachten Rand über vierzig Schritt tiefer lag, war ein glänzende Oberfläche zu sehen. Die Senke hatte die Form zweier Ovale und ebenso die Wasseroberfläche folgte dieser Grundform, die sich über die gesamte Senke fortsetzte. Direkt um das kühle Nass herum, hatte sich Schilf ausgebreitet und einige Meter entfernt standen Palmen, deren Wurzeln im Grundwasser der Oase standen und sich so im trockenen Boden am Leben erhielten. Die Senke selbst hatte massive Ausmaße und insgesamt, war sie sicher einige Kilometer breit. Hinter den Palmen türmten sich Gebäude auf. Die Dächer von Akhlat ragten über die Bäume der Oase auf und ihre spärlich geweißelten Bauwerke glänzten in der Sonne.

Als der Wagenzug in die Senke hinab rollte, konnte man erkennen, dass die Stadtmauer den zentralen See halb einrahmte und man so von Seeseite einen offenen Blick auf die Stadt selbst gewinnen konnte. Das Seeufer war dicht mit schäbigen Hütten bebaut. Die Wände waren aus Schilf und Kameldung, gemischt mit einer Art von Sandzement erbaut, dann mit Kalk oder hellem Schlamm bestrichen und versiegelt worden, sodass der Wind, Feuchtigkeit und auch der heftige Regen, der über eine Wüste fegen konnte, den Schilf in den Wänden nicht verfaulen ließ. Die meisten dieser Wohnstädten bestanden nur aus einem, mal größerem, mal kleinerem, Raum und einem Stockwerk. Sie hatten ein ebenso konstruiertes Dach, dass Abflusskanäle an den Außenrändern hatte, damit sich kein Wasser ansammeln konnte. Fenster waren gar nicht, oder nur sehr klein und spärlich vorhanden, sodass über die heißen Mittagsstunden, die Hitze nicht nach Innen dringen konnte. Die gesamte Konstruktion dieser Häuser war darauf ausgelegt, Feuchtigkeit von Innen nach Außen zu transportieren und die Wärme draußen zu halten, da die Bewohner sich am Tag kaum blicken ließen und das Leben in Akhlat erst in den frühen Abendstunden so richtig begann. Neben diesen kleineren Hütten gab es weiter zum Stadtzentrum hin größere Gebäude, die aber auf die gleiche Weise gebaut waren, mit der Ausnahme, dass der Verputz sorgfältiger und heller war und sich einige bunte Verzierungen und Borten um die Gebäude zogen. In der Abendsonne wurde die Stadt in ein tiefes Rot getaucht und verlieh dem eigentlich weißen Anstrich das Aussehen von getrocknetem Blut. Besonders der fleckige Putz verstärkte diesen Eindruck, da er dadurch so aussah, wie mehrere Schichten Blutkruste, auf einer schorfigen Wunde.

Die Karawane folgte einem Pfad, der durch die vielen Wägen, die hier Tag ein, Tag aus vorbei kamen, plattgewalzt war und so den Rädern der Wägen mehr Halt bot, als der lockere Sand oder das Geröll der Wüstenwege, die täglich von so viel neuem Sand und Staub überdeckt wurden, dass sie sich niemals ganz befestigen ließen. Der Weg schlängelte sich den mittleren See entlang nach rechts und dort zwischen einer Allee aus Palmen hindurch auf ein Stadttor, das mit zwei großen Holztoren befestigt worden war.

Als sie auf dem Pfad dem See näher kamen, wünschte sich Rahin ins Kühle Nass hinein zu springen, um sich den Staub aus den Knochen und die Dürre aus der Seele zu waschen und seine Glieder frei und unbeschwert im Wasser strecken zu können. Die roten Wände von Akhlat kamen dennoch unbarmherzig näher.

An den Toren der Stadt standen zwei einfacher Wächter mit Helebarden bewaffnet und hielten den Händler an. Die Soldaten schienen den Kopf zu schütteln und wiesen den Händler den Pfad, vom dem er gekommen war. Rahin konnte von hier hinten seine fetten Hände wild hinter seinem Tuchzelt hervor gestikulieren sehen, als sie plötzlich verschwanden und einen ausgebeulten Tuchbeutel zum Vorschein brachten. Der Beutel fiel in die Hände eines der Wachen, der ihn vorsichtig abwog und einen Blick hinein riskierte. Er schaute zu seinem Kollegen hinüber und nickte nur knapp, woraufhin der, den Weg in die Stadt freimachte und mit seiner linken Hand eine einladende Geste vollführte. Der Sklaventross setzte sich sogleich wieder in Bewegung und rollte weiter in die Stadt hinein, während sich die beiden Wachen höflich verbeugten. Im Vorbeifahren konnte Rahin sehen, wie eine der Wachen den Inhalt des Beutels, einige Silberstücke, auf seine Handfläche entleert hatte, die Münzen zwischen seinen Fingern tanzen ließ und dabei zufrieden grinste.

Kaum hatten sie die Stadtmauer passiert, da bogen sie schon in eine Seitenstraße ab. Scheinbar war die Ankunft dieser bestimmten Karawane in der Stadt nicht begrüßt worden und es mussten erst ein paar Silbermünzen den Besitzer wechseln, bevor die Menschenhändler Einlass in Akhlat bekommen hatten. Der Weg führte sie an der Mauer entlang, in ein Viertel, das in den Randbezirken lag und offenbar nur von Abschaum und gescheiterten Existenzen bevölkert war, wie der erbärmliche Zustand der Behausungen erahnen ließ. Da die Hitze des Tages inzwischen mit der Sonne hinter dem Rand der Senke verschwunden war waren die Gassen von Pennern und zwielichtigen Gestalten bevölkert, unter deren Mäntel man hin und wieder das Blitzen blanken Stahls erahnen konnte.

Nach einer weiteren Biegung kam der Wagenzug in einer Sackgasse zum Stehen. Das Kamel des Händlers wurde vom Treiber dazu gebracht sich hinzuknien und wenig später quälte sich der Wicht von seinem Sitz herab und verschwand in einer der Hütten. Der Rest der Wachen und Diener wusste wohl ohne weitere Erklärungen, was zu tun war, denn alle stiegen von ihren Kamelen, entluden die schweren Lastkörbe in verschiedene Hütten und vertäuten die Kamele. Einige verschwanden ebenso für die Nacht in verschiedenen Hütten, während andere am Eingang der Seitengasse Wache hielten und dafür sorgten, dass sich niemand den Kamelen oder den Wägen näherte. Rahin war von dieser Entwicklung nicht gerade erfreut. Der fette Wanst hatte scheinbar an alles gedacht und jeder Punkt seiner Route war schon einmal bereist worden und somit war es unwahrscheinlich, dass sich ein Fehler im System auftun würde, der ihm die Möglichkeit zur Flucht gewähren würde. Erschöpft von dieser Einsicht legte er sich schlafen.

Mitten in der Nacht wachte er wegen eines Geräusches an der Eingangsklappe seines Wagens auf. Er schnellte hoch, jedoch nicht schnell genug, denn schon tauchte eine Gestalt über ihm auf und stülpte ihm einen Sack über den Kopf und er spürte, wie sich ein Seil um seine Arme legte und zugeschnürt wurde, während er von mehreren Seiten mit Knüppelschlägen bedacht wurde, die ihn wohl davon abhalten sollten Gegenwehr zu leisten. Unsanft wurde er am Seil nach vorne gezerrt, der Boden seines Wagens sackte unter ihm weg und er schlug hart auf dem festgetrampelten Boden des Armenviertels auf. Die Luft entfloh seinen Lungen und er war für einen Augenblick einer Ohnmacht nah, dann zogen ihn vier kräftige Arme wieder auf die Beine und er hörte, wie sich eine Tür vor ihm öffnete und dann wieder hinter ihm schloss. Dann drückten ihn die zwei kräftigen Männer auf eine Holzliege. Kaum lag er dort, wurden seine Beine festgebunden und er konnte dumpf durch die Stofflagen um seinen Kopf zwei Personen sprechen hören.

„Der abgemachte Betrag“, sagte eine Stimme.

„Wie immer, wir verstehen uns doch“, sagte eine andere, die ihn stark an die des unförmigen Sklavenhändlers erinnerte.

„Dann mache ich mich an die Arbeit. Es sollte wie üblich zwei bis drei Stunden dauern…“ die Stimme kam näher an Rahin heran und er hörte einige Augenblicke später zuerst das Klopfen von Holz auf Stahl und spürte sogleich einen brennenden Schmerz auf der Brust, als irgend eine Nadel in seine Haut eindrang. Der Schreck lies ihn zusammenzucken.

„Na na, nicht so zappeln, sonst misslingt mir mein Kunstwerk“, beschwichtigte ihn die Stimme, die nun direkt über ihn gebeugt war.

Wieder das Klopfen und wieder dieses Stechen, dann schien der Hammer einen Rhythmus gefunden zu haben und wie ein unheiliger Steinmetz meißelte der Schmerz ein Bild in die Brust Rahins.

Sein Sklavenmal war nach zwei Stunden der Pein vollendet und niemand, außer seinen nächsten Verwandten, würde ihm mehr glauben, dass er kein wertloses Stück Fleisch war, das man wie eine Ware verkaufen konnte. So bekam der widerliche Händler seinen Nachschub, dachte sich Rahin. Normale Bürger wurden in ihrer Heimat entführt und dann illegal mit dem Sklavenmal versehen, sodass er sie weit weg von bekannten Gesichtern verkaufen konnte. Ein Schluck Alkohol, der wie Feuer in den vielen kleinen Löchern der Tätowierung brannte, war der Abschluss einer Tortur, die Rahin, mit Gedanken der Verzweiflung schlussendlich das Bewusstsein raubte. Er bekam nicht mehr mit, wie ihn die Lakaien lachend zurück in seinen Käfig trugen.