Sklavenfeuer – Kapitel 1 – Teil 2 (NaNoWriMo)

Die Sonne hüllte den Horizont in einen roten Umhang aus lichtem Feuer. Die Wolken zogen wie angezündete Wattebälle über den Himmel hinweg und vergingen langsam im Feuer des Abendrotes. Über den Tag hinweg hatte der Wagenzug keinen Schatten gefunden. Der einzelne Sklave hatte den ganzen Tag ungeschützt im Käfig aus vernieteten Eisenbändern gesessen und war dem Einfluss der unbarmherzigen Sonne ausgeliefert gewesen. Irgendwann nach den Mittagsstunden hatte die Sonne ihren Tribut gefordert und er fiel in eine gnädige Ohnmacht der Erschöpfung, die ihn bis zum Abend schlafen lies. So zog die Karawane weiter die geplante Route entlang und der Tag verging.

Die Temperaturen waren schon deutlich gefallen und die Wachen holten langsam ihre Umhänge von den Lastkamelen. Die Wüste hielt viel Extreme für die Reisenden bereit und so heiß die Tage auch sein mochten, so verhältnismäßig bitterkalt konnten die Nächte sein. Das Hin und Her war es dann auch, das die meisten Reisenden ihr Leben kostete, denn wer mitten in der Wüste einem Fieber zum Opfer fiel, hatte keine große Hoffnung auf Genesung, da die brutalen Temperaturschwankungen den Körper nur weiter schwächten und die Krankheit, sobald sie einmal Wurzeln gefasst hatte, nur verschlimmerten.

Ein lauter Ruf an der Spitze der der Karawane ließ ihn zu sich kommen, “Dort! Wir sind bald an der Lagerstadt angekommen. Los ihr Zwei, geht schon einmal und bereitet alles Nötige vor!”.

Er schlug die Augen auf, seine Sicht war verschwommen, sein Kopf brummte und pochte wie verrückt. Über den Tag hinweg war er fast vollkommen ausgetrocknet und trotz seiner dicken Haare hatte er sich einen leichten Sonnenstich geholt. Vorsichtig setzte er sich auf, als er sich auch schon übergab. Sein Körper pulsierte unter den Wellen der Übelkeit, doch sein Magen war leer und trotz all des verzweifelten Würgens kamen bestenfalls ein paar Tropfen Galle zum Vorschein. Das Würgen hatte eine Wache auf ihn aufmerksam gemacht und sie kam herüber zum Wagen gelaufen.

“Hier. Trink das. Wir wollen ja nicht, dass unsere wertvolle Fracht zu Schaden kommt”, mit einem höhnischen Grinsen auf dem Gesicht, überreichte die Wache ihm einen Wasserschlauch, den er gierig entgegen nahm. Nervös und fast wie ihm Wahn versuchte er den Schlauchkorken zu lösen und fummelte mehrfach vergeblich daran herum. Dann besann er sich, atmete kurz tief ein und konzentrierte sich. Er war sich darüber bewusst, dass es vorerst kein Entkommen aus dieser Situation geben würde und nur die vollkommene Selbstkontrolle verhindern konnte, dass er sich seinen Peinigern ergab und sie die Oberhand gewinnen würden. Er wusste, dass Folter eine mächtige Waffe ist, um den Geist eines Menschen zu brechen und sollte sich jemals eine Gelegenheit bieten zu Fliehen, dann würde er sie nur ergreifen können, wenn er zu jeder Zeit Herr seines Geistes war und kein ängstliches, unterwürfiges Hündchen, das panische Angst vor seinem Peiniger hatte.

Etwas ruhiger geworden, versuchte er abermals sein Glück und bekam den Korken aus der Öffnung gezogen. Trotz seines übermenschliches Durstes musste er sich auch hier beherrschen. Er rechnete damit, dass sie ihm immer nur das Nötigste an Flüssigkeit geben und darauf bauten, dass er gierig den Schlauch verbrauchen würde, nur um dann am nächsten Tag wieder einen Schwächeanfall zu erleiden. Stattdessen trank er genau so viel, wie er trinken musste, um bei Kräften zu sein und plante sich den Rest einzuteilen. Denn trotz der glatten, gepflegten Haut, den blank-weißen Zähnen und den gebürsteten Haaren, von deren Glanz inzwischen nicht mehr viel übrig geblieben war, hatte er doch eine rigorose Schule durchlaufen. Als Hauptmann der Stadtwache und Sohn eines einflussreichen Händlers wollte er sich nicht Lumpen lassen, den anderen Rekruten zu beweisen, dass sie von keinem gutbürgerlichen Söhnchen angeführt werden würden, sondern von einem Mann ihres Schlages. Das Überleben in der Wüste, die Kenntnis über ihre Gefahren, sowie die Grundlagen über den Umgang mit Gefangenen und wie man sie am Besten bricht, waren selbstverständliches Wissen für einen Hauptmann und so auch Teil seiner Ausbildung.

Die Karawane hatte das Zwischenlager, von denen es entlang der Handelsroute mehrere gab,  um den Reisenden bei den immer wieder plötzlich eintretenden Sandstürmen, während der Dämmerstunden Schutz bieten zu können, erreicht.

Das Zwischenlager war eine Senke, die teilweise natürlichen Ursprungs war. Man hatte Steine und Felsen aus der Mitte der Senke auf den Rändern aufgeschichtet und sie so künstlich vertieft. Um Schutz vor den tückischen Winden und Sandstürmen zu bieten, waren außerdem schwere Holzbalken, schräg nach Innen zeigend, einige Meter tief in den lockeren Boden getrieben worden. Zwischen ihnen hatte man schwere Stoffbahnen gespannt, die den Wind und damit auch den Sand über die Senke leiten sollten. Da die umliegenden Städte und Handelszentren in eigentlich unwirtlichem Gebiet lagen, wurden entlang den Handelsrouten solche Plätze errichtet, um mehr Reisende Händler in die Städte zu locken. Viele Waren, die in den Städten benötigt wurden, fanden nur über den Handel ihren Weg in die entlegenen Wüstenstädte und somit waren die Herrscher gezwungen in den sauren Apfel zu beißen und die Lagerstädten aufrecht zu erhalten. Der Sand allerdings, wurde vom Wind Tag aus Tag ein durch die Luft gepeitscht und schmirgelte wie Schleifpapier pausenlos an den schützenden Stoffbahnen. Entsprechend war der Zustand der unterschiedlichen Lager vom Reichtum der nächsten Stadt abhängig. Hatte es ein schlechtes Jahr gegeben, fand man häufig zerfetzte Stoffbahnen vor, die hilf- und nutzlos im Wind flatterten und dem Reisenden keinerlei Schutz boten. Akbitana war eine reiche Stadt und die nahegelegene Oase sorgte für regen Durchgang und so fanden die Sklavenhändler hier eine gut gepflegte Unterkunft vor. Die Stoffbahnen waren erst vor kurzem erneuert und waren leuchtend rot eingefärbt worden, damit sie ein Unterschlupfsuchender schneller sehen konnte.

Als der Wagen des gefangenen Hauptmannes den Eingang passierte, konnte er sofort spüren, wie der Wind stark nachließ und die Luft einen guten Teil weniger staubig wurde. Er nahm erneut einen kleinen Schluck aus seinem Wasserschlauch, da seine Kehle noch immer sprichwörtlich staubtrocken war, außerdem schüttelte er den Kopf und versuchte den Sand und den Staub aus seinen Haaren zu bekommen, der sie fast grau gefärbt hatte. Durch die viele Bewegung spürte er plötzlich seinen Magen, der ihn daran erinnerte, dass es nunmehr über einen Tag her war, dass er etwas zwischen den Zähnen gehabt hatte und er war rückblickend fast froh darüber, dass er den größten Teil des Tages über geschlafen und so wertvolle Energien gespart hatte. Mit aufmerksamen Blick sah er sich um, während die Wachen und Diener langsam das Lager mit Leben füllten und sich im Schutze der Tuchwände niederließen.

Die Wagen wurden nebeneinander aufgereiht, sodass sie nur noch eine Armeslänge voneinander entfernt waren. Der Wagenzug musste Platz sparen, da sie zum einen ganze sechs Wagen dabei hatten, zum anderen die Kamele und Männer auch noch Lagerplatz benötigten und sie nicht als einzige diesen Unterschlupf aufgesucht hatten. Der Wagen des Hauptmannes wurde zu innerst eingereiht und er lagerte direkt neben den Kamelen, die von ihrer Last befreit in einer Reihe entlang der schützenden Stoffbahnen aufgestellt wurden. Die einfachen Wachen rollten ihre Schlafmatten, aus einfachem verbundenen Schilf, aus und schlüpften in Schlafsäcke aus zusammengenähten Wolldecken, die sie in der kühlen Wüstennacht warm halten sollten. Der Händler ließ sich in seinem Tuchzelt nieder, dessen Plattform einfach vom Rücken des Kamels herab in den Sand gestellt und in dessen Innern eine Liege aufgestellt wurde. Das Zelt war zwar nur sehr kurz, so dass seine Füße und die Liege aus dem Eingang heraus ragten, aber so hatte er es dennoch deutlich wärmer als die einfachen Krieger und vor allem konnte er bis in den Sonnenaufgang hinein tief im dunklen Zelt schlafen und wurde nicht von den ersten Sonnenstrahlen des nächsten Tages geweckt. Ein paar Bedienstete, die auf den Lastkamelen geritten waren, bereiteten für alle, aus den Vorräten ein Essen und machten zusammen mit Bediensteten anderer Wagenzüge im Zentrum ein Feuer aus mitgebrachtem und während der Reise gesammelten Kameldung, um darauf heißes Wasser für Tee zuzubereiten.

Wenig später erfüllte ein süßlicher Teeduft das Lager zwischen den Tuchplanen und die Nacht war vollends hereingebrochen. Die Sonne war einem pechschwarzen Nachthimmel gewichen und nur die funkelnden Sterne gaben etwas direktes Licht. Die verschiedenen Karawanengruppen saßen größtenteils auf ihren Teppichen, die sie im Sand ausgerollt hatten, rauchten Wasserpfeife und besprachen die erfolgreichen Geschäfte in der nahen Stadt. Der Hauptmann nahm bestenfalls Gemurmel war und konnte sich noch immer keinen Reim auf seine Situation machen. Was war mit ihm Geschehen? Wieso fand er sich in einem Sklavenkäfig wieder? Er dachte, jetzt wäre der Beste Zeitpunkt dafür, irgend etwas herauszubekommen und so rief er in Richtung des Karawanenführers, “ich gehöre doch nun sowieso zu eurem Hab und Gut. Könnt ihr mich nicht darüber aufklären, wie ich in euer Besitztum gekommen bin?” Der fett grinsenden Händler watschelte gelangweilt hinüber zu seinem Käfig, in der einen Hand eine Wasserpfeife, in der anderen einen Schemel. Er stellt den Schemel etwa 1 Meter vom Käfig auf und platzierte seinen enormen Hintern gemütlich darauf, sodass die breiten Füße merklich im Sand versanken. Nachdem er dann auch seine Wasserpfeife an Ort und Stelle aufgestellt hatte und zwei, drei Züge genossen hatte, richtete er das Wort an den Hauptmann.

“Hör zu du Sohn einer Kameltreiberin. Deine Vergangenheit ist jetzt Geschichte. Sobald wir in Akhlat angekommen sind, werde ich dir ein Zeichen eintätowieren, dass dich eindeutig als Sklaven ausweist und nichts, was aus deinem hübschen Mund”, dabei strich er sich genüsslich über die Lippen, “kommen mag, wird dich je wieder zu einem freien Mann machen. Hast du das verstanden?”

“Aber ich…”

“Kein aber ich! Ja mein Herr will ich hören, sonst füge ich zur Liste der Unbequemlichkeiten deiner Reise auch noch Peitschenstriemen auf deinem Rücken hinzu, auch wenn es ein Jammer wäre eine solche zarte Haut zu verletzen. Du bringst mit diesem Körper sicher unversehrt deutlich mehr am Markt. Dennoch! Wenn du es wagst mir nicht den nötigen Respekt entgegenzubringen, oder mich vor den Kunden bloßstellst, dann werde ich dir dein Leben zur absoluten Qual machen und du wirst dir wünschen, deine Mutter hätte dich nicht geboren!” Mit einem abschätzigen Spucken in Richtung Boden unterstrich er seine Äußerung.

Der Hauptmann schluckte kurz und dachte sich, dass aus diesem Kerl nicht viel herauszukriegen war.

“Ach ja,” wandte sich der Fettwanst erneut zu ihm, “in all der Hektik hatte ich ganz vergessen zu Fragen, wie dein Name eigentlich lautet. Immerhin gibt man auch einem Hund einen Namen.”

“Mein Name ist Rahin, ” antwortete der Hauptmann kurz und knapp. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Wenn der dicke Händler nicht wusste wie sein Name lautete, dann wusste er auch nicht was ihm zugestoßen war und es würde nichts bringen ihn auszufragen. Wenn er nicht das Opfer eines einfachen Sklavenjägers geworden war, der Gefallen an ihm gefunden hatte, wieso war er sonst an diesem Ort. Er hatte den halben Abend schon überlegt, an was er sich als letztes Erinnern konnte, aber sein Kopf war immer noch wie in einen dichten Nebel gehüllt. Kein Bild, kein Name oder keine Örtlichkeit kam ihm in den Sinn. Dann besann er sich wieder auf seine jetzige Situation. Das Rätsel seiner Gefangenschaft würde er nur in Freiheit lösen können und nur darauf kam es im Augenblick an.

Der Sklavenhändler hob sich schwerfällig von seinem Schemel, nahm die Pfeife wieder in die eine, den Schemel in die andere Hand und wankte wie ein Seemann auf Deck eines Schiffes wieder zum Sitzkreis einiger anderer Händler und ließ sich dort ebenso schwerfällig nieder.

Kurze Zeit später kam einer der Diener mit einer Holzschale gefüllt mit einer Art Getreide aufgeweicht in Kamelmilch an den Käfig und schob diese vorsichtig durch einen schmalen Schlitz am Rand des Wagens, der gerade hoch genug war, um die Schale hindurchzustecken. Er blickte Rahin vielsagend durch seine tiefbraunen Augen an und nickte ihm kurz zu. Der Sklave konnte Mitleid in den Augen des Dieners erkennen und fragte sich, ob vielleicht er Informationen über seine Gefangenschaft hatte oder zumindest eher dazu bereit war etwas Wissenswertes preiszugeben. Leise beugte er sich vor und flüsterte dem Diener zu, nachdem sich dieser zum Gehen umgedreht hatte.

“Bitte wartet kurz. Wisst ihr etwas über meine Gefangenschaft? Wisst ihr wer ich bin? Habt ihr mitbekommen, wer mich eurem Herrn verkauft hat? Ich bitte euch, lasst mich nicht ohne Antworten in der Nacht zurück!”

Der Diener drehte sich nicht um, blieb aber kurz stehen und flüsterte leise nach unten, als würde er etwas auf dem Boden suchen, “ihr seid ein Hauptmann aus Akbitana. Ich hatte euch in den Straßen gesehen, bevor ihr in diesem Käfig aufgetaucht seid. Es tut mir Leid mein Herr, aber mir scheint irgend jemand hat euch Übelst mitgespielt. Ich hoffe ihr findet einen guten neuen Herren, der euch mit Respekt behandelt.” Der Diener setzte zum ersten Schritt an, blieb dann nochmals stehen, sah sich um und zog seinen Umhang aus. Er drehte sich um, ging zum Wagen zurück, kniete vor einem der Räder und fummelte an den Beschlägen herum, blickte sich erneut kurz um und schob dann den Mantel durch die Gitterstäbe hindurch unter das Stroh des Wagens. Dann stand er auf und im Weggehen konnte Rahin ihn noch flüstern hören, “legt euch über den Tag hinweg unter das Stroh und schützt euch mit dem Mantel vor der Sonne. Lasst nur niemanden den Mantel sehen. Ich werde ihn morgen Mittag, wenn wir schon eine Weile von hier fort sind, als verloren melden. Viel Glück Hauptmann.”

Rahin blickte dem Diener nach und war voll Dankbarkeit. Niemals hatte er gedacht, dass ein anderer Sklave, der, wie alle Sklaven, so viel Leid erfahren hatte, einem wie ihm so viel Freundlichkeit entgegenbringen würde. Er war schließlich einer der Herren. Er selbst hatte ebenso Sklaven gehalten. Sie wurden zwar entsprechend gut gehalten und entlohnt, dennoch waren sie Dank seines Reichtums ihrer Freiheit beraubt oder gar in Gefangenschaft geboren worden. Dank dieser Geste war er nun einen Schritt weiter in seinem Überlebenskampf. Schutz vor der Sonne und der vorsichtige Einsatz des Wasserschlauches, zusammen mit ein bisschen Schauspiel würden seine Handlungsfähigkeit in Zukunft sichern.

Sein Magen knurrte erneut und erinnerte ihn daran, dass dort ja noch eine Schale mit Brei auf ihn wartete, also griff er sich die Schale, deren schleimiger, aufgequollener Inhalt ihn früher sicher abgestoßen hätte, in diesem Augenblick gab es jedoch für ihn nichts besseres und der schwere Geruch der Kamelmilch stieg ihm wie der Duft eines festlichen Bratens in die Nase und all seine Sinne waren hell wach. Dankbar schlürfte er den Brei aus der breiten Holzschale, während er im Schneidersitz auf dem Stroh seines Wagens Platz genommen hatte. Für nur einen kurzen Augenblick schien die Welt in Ordnung und die Aussichten nicht mehr so grimm. Nachdem er gegessen hatte und sich sein Magen angenehm voll anfühlte, legte er sich ins Stroh, schloss die Augen und hörte nur noch einige Augenblicke das Gebrummel der tratschenden Händler und das Schnauben der Kamele neben seinem Wagen, ehe ihn die Nacht einhüllte.

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