Sklavenfeuer – Kapitel 1 – Teil 3

Die frühe Morgensonne weckte Rahin und ihm fröstelte. Der Umhang hatte ihn in der Nacht gewärmt, sodass er gut durch geschlafen hatte, aber die kalten Morgenstunden und der frühe Morgen erinnerten ihn an seine Situation. Während gestern Abend, eingehüllt in den Mantel, das Gelaber der Händler im Hintergrund eine scheinbare Normalität eingekehrt war, so blickten ihn die Gitterstreifen mit Hohn an und seine Welt schrumpfte wieder auf die erbärmliche Größe zusammen, die sie auch in Wirklichkeit nur noch hatte.

Er schaute sich im Lager um und sah einige der Wachen noch einhüllt in ihre Schlafsäcke am Boden liegend, während die letzte Nachtwache ungeduldig darauf hoffte, dass die Sonne über den Horizont trat und ein wenig Wärme mit in den Morgen brachte. Die letzte Wache vor dem Sonnenaufgang war immer die schlimmste, erinnerte sich Rahin. Er hatte oft mit seinen Männern auf den Stadtmauern ausgeharrt und versucht ihre Laune mit warmen Geschichten und Späßchen aufrecht zu erhalten, aber so sehr man es auch drehte und wendete, die letzte Wache mochte niemand gerne antreten. Während man in der ersten Schicht einfach eine etwas längere Nacht hatte, so konnte man sich in der zweiten wenigstens darauf freuen nach einiger Weile halb müde wieder in den Schlafsack kriechen zu dürfen, um wenigstens noch ein paar Stunden im Land der Träume zu verbringen. Die letzte Wache jedoch warm unbarmherzig. Eine kurze Nacht wurde abrupt unterbrochen und man stieg in eine, je nach Witterung, feucht-kalte Ausrüstung, nur um dann in die kälteste Zeit der Nacht hinein auf den Mauern umher zu wandern. Die Stadt war in den frühen Morgenstunden am stillsten. Das Leben hielt insgesamt den Atem an, in gespannter Erwartung auf den neuen Tag und für einen Soldaten war diese Zeit so zermürbend, als hätte auch er für Stunden den Atem angehalten. Das schlimmste jedoch war der Dienstantritt am gleichen Morgen. Keine wohlige Erholung, keine erlösende Pause erwartete einen. Der Tag hatte begonnen und alle mussten zum Dienst antreten. Meist war es sogar an den Morgenwächtern die anderen aufzuwecken, was nicht selten mit dem einen oder anderen Stiefel gedankt wurde.

Als Hauptmann war es seine Aufgabe gewesen die Truppen über die Nacht bei Laune zu halten, oder zumindest so verstand er seine Aufgabe in den Nachtstunden. Er hatte Hauptmann Aresh mal mit Dirnen im Wachraum erwischt, als er selbst noch in der Ausbildung war. Als einfacher Wachmann musste man so etwas allerdings herunterschlucken, denn die Hauptmänner hatten Befehlsgewalt über das eigene Glück. Da er selbst mitbekam wie die Truppen über Aresh sprachen und wie widerwillig sie seinem Befehl folgten, wusste er, dass er sich vor den Männern keine solchen Entgleisungen leisten wollte und konnte, würde er eine brauchbare Truppe haben wollen.

Als einer der Wachleute seine Blicke bemerkte brüllte er ihn an, „hör auf zu Glotzen, du verfaulter Abschaum“, und riss ihn aus seinen Erinnerungen zurück in die brutale Wirklichkeit.

Rahin wendete den Blick ab und kümmerte sich darum den Mantel unter dem Stroh zu verbergen, sodass er sich in den kommenden heißen Mittagsstunden vor der Sonne damit schützen konnte. Während er sich das Stroh zurecht legte und froh war alleine in diesem Käfig und nur für seine eigene Reinlichkeit verantwortlich zu sein, hörte er ein leises Geräusch an seinem Käfig. Der Diener von gestern Abend verließ seinen Käfig und hatte ihm etwas unter das Stroh geschoben. Vorsichtig sah er sich um, beugte sich vor und griff unter das Stroh. Er fand ein kleines Bündel vor, dass er sogleich unauffällig in einer Strohsenke aufschnürte. Er traute seinen Augen kaum, als ein Block Brot und ein Stück Trockenfleisch hervor kam; ein dunkles, ausgedörrtes Stück Fleisch, dass mit Salz bestreut in der Sonne getrocknet worden war, als typische Reiseverpflegung diente und sehr nahrhaft war. Er riss sich ein kleines Stück Brot ab und biss ein kleines Eck vom Trockenfleisch ab und fühlte sich gleich sehr viel besser. Dieser verhüllte Diener verblüffte ihn. Jetzt hatte er schon zum zweiten Mal in so kurzer Zeit sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um einem wildfremden Mann zu helfen. Rahin war erpicht darauf herauszufinden was der Grund dafür war, denn, so wie der Diener aussah, war er schon eine Weile in Diensten des Sklavenhändlers und konnte unmöglich jeden Sklaven so zuvorkommend behandeln, was also hatte ihn dazu gebracht in diesem Fall eine Ausnahme zu machen? Niemals konnte einfach nur seine Herkunft ein Grund dafür sein, da sie hier und auch in Zukunft keine Rolle spielen würde. Er war sich bewusst darüber, dass diese Neugier eine willkommene Abwechslung auf der Reise sein und ihm eine Aufgabe geben, die ihn geistig gesund und wach halten würde. Zu viele Sklaven hatten auf diesen wochenlangen Wüstenreisen unter der brennenden Sonne, im Nichts der leblosen, weitläufigen Wildnis, deren Formen und Farben vom ewigen Wind und Wetter so weit abgeschliffen waren, dass nur noch die kleinsten Hügel eine Abwechslung in den Horizont der Ödnis brachten, ihren Geist verloren und waren danach gebrochen.

Hatte sich ein Mann einmal in der Wüste verloren, gab sie ihn nicht mehr preis. Entweder er verliebte sich in ihre Stille, ihre Klarheit und suchte fortan ein Leben in oder an ihr, oder er wanderte ziellos in ihrer Trostlosigkeit, wahnsinnig geworden durch die brennende Sonne und Wassermangel. Manche kamen wieder zurück aus einer solchen Odyssee, aber die weisen, alten Frauen sagten, dass es nur ihre Körper waren, die zurück kamen, ihr Geist irrte für den Rest ihres Lebens durch die ausgetrocknete Einsamkeit und erst im Tod würden sie wieder vereint.

Es kam langsam Leben ins gesamte Lager, als die letzten Nachtwachen ihre noch schlafenden Kameraden weckten und mit rüden Kommentaren bedacht wurden, die kurz später mit einem herzhaften Lachen entkräftet wurden. Rahin versteckte schnell das Bündel unterm Stroh und brütete weiter über den Absichten des Dieners, während er den Wächtern dabei zusah, wie sie das Lager abbauten.

Alles Nötige wurde zusammengerollt, unter die Wagen gehängt, in die Seitentaschen der Kamele gestopft oder im Falle der Teppiche zusammengerollt an ihren Flankentaschen verschnürt. Die dickköpfigen Tiere waren nicht alle damit einverstanden, wieder mit dieser schweren Last über den Tag beladen zu werden, röhrten empört und manche standen einfach auf und wollten schon losmarschieren und mussten dann sanft mit der Gerte dazu überredet werden, doch noch eine Weile zu knien.

Erst nachdem alle bereits aufgestanden waren, die Wagen bereits halb aus der Lagerstatt herausmanövriert waren, bewegte sich etwas im Zelt des Händlers. Er rollte sich faul aus seinem Überdach, räkelte sich und winkte Diener heran, die ihm sein Frühstück servierten; während er speiste, wurde sein Überdach wieder auf sein Kamel gehievt und dort fest gemacht. Danach wankte er zu seinem Kamel, bemühte sich in seinen Sitz und der Kameltreiber lies das Tier emporsteigen und führte es an die Spitze der Karawane, wo es als Leittier fungierend den Rest der Tiere führte, ohne, dass diese direkt geführt werden mussten. So hatte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen; der Fettwanst hatte ein starkes Kamel unter seinen Hüften und man benötigte weniger Führer, da man die Hierarchie der Kamele respektierte und sie so bereitwilliger folgten.

Die Karawane zog den Tag über ruhig vor sich hin und das Wetter war ihnen wohlgesonnen. Der Wind hatte nachgelassen und die Gesichtstücher der Wachen hingen locker an ihren Turbanen und waren nicht mehr fest gewickelt. Lockere Gespräche machten die Runde und Rahin hatte keine Probleme sich unter dem Stroh und dem Mantel vor der direkten Sonne zu schützen. Er versuchte seine Kräfte zu schonen und etwas zu schlafen, da er ohnehin im Augenblick nichts an seiner Situation ändern konnte. Über den Tag verteilt aß er immer wieder einen Bissen und trank einen Schluck aus seinem Wasserschlauch. Etwas jedoch, bereitete ihm Sorgen. Er hatte keine Zeit gehabt näher darüber nachzudenken, da er zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, aber jetzt fiel ihm wieder ein, wohin der Weg ihn und die Karawane führte.

Nicht unweit von Akhlat entfernt begann das Gebiet der Zuagir, eines Wüstenstammes, der sich die rote Wüste zur Heimat erklärt hatte und dort nicht gerade selten für Überfälle auf Karawanen und ganze Städte verantwortlich gewesen war. Zwar war der Stamm nicht mehr so wild und groß, wie er es vor fünfzehn Jahren, unter Herrschaft eines merkwürdigen Nordländers gewesen war, jedoch forderten die Überfälle jedes Jahr viele Tote unter den Wüstenbewohnern und er fragte sich, ob er als Sklave der Zuagir besser dran wäre, als unter der Knute des fetten Händlers. Vielleicht würde er ihnen seine Dienste als Kämpfer anbieten können und so über die Zeit seine Freiheit gewinnen? Wahrscheinlicher wäre aber, dass sie nicht noch ein Maul gebrauchen konnten, dass es zu füttern galt. Die Wüste gab ihre Schätze nur den Wissenden preis und selbst die, die in ihr Tag aus Tag ein lebten, mussten für jeden Bissen hart arbeiten, für jeden Tropfen tief graben.

Bevor die Karawane in diesen Teil der Wüste kam, müssten sie zuvor Akhlat passieren, um dort Vorräte und Wasser aufzufüllen und wie der Händler angedeutet hatte neue Sklaven ankaufen, sofern der lokale Markt gerade etwas interessantes auf Lager hatte. Da Rahin am eigenen Leib gespürt hatte, wie dieser fette Wicht seine Handleswaren beschaffte, erwartete er fast, dass er sich seine Sklaven nicht auf dem Markt ankaufte, sondern irgendwelchen Schattenfiguren arme Seelen abkaufte, um sie dann anderenorts wieder als reguläre Sklaven zu verhökern. Hatte man einmal das Zeichen eines Sklaven, war es schwer nachzuweisen, welchen Standes man zuvor vielleicht einmal gewesen war.

Die Reise nach Akhlat würde noch ein paar Tage dauern und wenn, dann würde sich vielleicht dort die Möglichkeit bieten aus diesem Elend zu entkommen, entweder als Sklave oder als freier Mann, wenn er es schaffen würde zu fliehen, bevor das Zeichen des Händlers auf seinen Schultern bannen würde.