Sklavenfeuer – Kapitel 2 Teil 1

Ein leises Kratzen holte Rahin aus seinem unsicheren Schlaf. Seine Brust brannte wie Feuer und erinnerte ihn daran, dass er die Erlebnisse der heutigen Nacht nicht geträumt hatte. Er setzte sich vorsichtig auf und sah sich um. Es war stockfinster, nur die Sterne warfen ein fahles Licht und er konnte kaum etwas erkennen, als er ein leises Zischen am hinteren Rand des Wagens hörte, „psst. Psst! Endlich bist du wach, Junge“, flüsterte eine leise Stimme.

„Komma her, ich muss mit dir reden, Junge.“

Rahin war vom Schrecken der Nacht noch benommen und kroch, ohne weiter nachzudenken, möglichst leise über das Stroh seines Wagens zum hinteren Ende, das fast am Ausgang der Seitengasse lag. Im schwachen Sternenlicht konnte er den scheinbar leblosen Körper einer Wache und die Schemen eines vernarbten Gesichts sehen, das ihm aus einem mit Zahnlücken versehenen Gebiss schief entgegen lächelte. Rahin starrte ihn ungläubig an.

„Sag erstma nix. Wir müssn hier weg, sonst ziehen se uns die Hammelbeine lang“, sagte das Narbengesicht und deutete mit der Hand in Richtung Ausgang der Seitengasse. Der entstellte Unbekannte schlich vorsichtig und leise um den Wagen herum und machte sich am Verschlussriegel des Käfigs zu schaffen. Mit einem leisen Ächzen der Eisenscharniere bewegte sich die sich nach oben öffnende Seitenklappe und ohne weitere Fragen zu stellen, schnappte sich Rahin seinen Umhang unter dem Stroh und glitt unter der schmalen Öffnung hinaus in eine ungewisse Freiheit. Leise schlichen die beiden von Blicken geschützt hinter dem Wagen entlang und rannten dann zügig und geduckt die letzten paar Meter, bis sie aus der Seitengasse hinaus waren. Rahin folgte der unheimlichen Gestalt ohne Fragen zu stellen. Die Art und Weise wie sein Retter sich durch die Straßen bewegte, deutete für ihn darauf hin, dass er sich nicht nur auskannte, sondern auch wusste, welche Gassen man genau wie nehmen musste, um etwaigen Blicken fern zu bleiben. Als Rahin für einen Augenblick nach oben sah und er den Nachthimmel ohne diese verteufelten Gitter sah, brannte das Herz in seiner Brust vor Freude und der Schmerz, der ihn an sein Mal erinnerte, war erst einmal vergessen.

Für den äußeren Beobachter scheinbar ziellos, führte ihn der Unbekannte durch die Gassen von Akhlat, um dann abrupt vor einer der vielen Hütten stehen zu bleiben. Er wandte sich zu Rahin um, stieß mit einem Arm die Tür auf und bedeutete ihm einzutreten.

“Wir sind am Ziel angekomm, Junge. Jetz aber rein mit dir”

Kurz überlegte Rahin, ob er mit diesem blinden Vertrauen nicht das eine Unglück durch ein anderes ersetzte, war sich aber dann doch darüber bewusst, dass er ohne diesen merkwürdigen Kerl noch immer in seinem Käfig sitzen würde. Er stieß den Gedanken von sich und trat ein in die von schummrigem Kerzenlicht erhellte Kammer. Sie war etwa vier auf vier Schritt groß, quadratisch geschnitten, die Wände waren fensterlos, der Boden bestand aus festgetrampelter Erde und war mit mehreren, einfachen Teppichen bedeckt. In der vom Eingang aus linken Ecke stand eine Holzpritsche, auf der ein Bett eingerichtet war, gegenüber an der rechten Wand, stand ein kleiner Tisch, auf dem zwei Krüge, zwei Teller, eine Kerze und verschiedenes zu Essen aufgebahrt war; direkt neben der Eingangstür zur Rechten war ein Regal, das einige Bücher, Kleidung, Geschirr und eine Set-Statue beherbergte. Es schien so, als war diese ganze Sache schon länger geplant gewesen, da der Zustand des Tisches, die zwei Hocker daneben, das zusätzliche Bettzeug, was zusammengelegt am Fuße des Bettes lag darauf hindeuteten, dass der Rahin so merkwürdig vertrauenswürdig erscheinende Mann einen Gast erwartet hatte. Die Tür schloß sich hinter Rahin, der Mann trat um ihn herum zum Tisch und setzte sich auf den Hocker, der zur Tür zeigte und präsentierte zum ersten Mal sein vollständiges, vernarbtes Gesicht, das von einer schiefen Knubbelnase gekrönt war. Strähniges, schwarzes, kurz geschnittenes Haar hing ihm spärlich ins Gesicht und er lächelte wieder. Er deutete auf den zweiten Hocker und sprach freundlich, “so jetz aber. Mach’s dir gemütlich.”

Rahin schritt langsam zum Tisch herüber und setzte sich zum ersten Mal seit über einer Woche wieder auf einen Hocker.

“Wieso habt ihr mich befreit? Und viel wichtiger, wer seid ihr überhaupt?” Rahin konnte nach der gespannten Stille nicht mehr an sich halten und sprudelte nur so vor Fragen.

“Iss erstma was. Ich werde dir derweil ne Geschichte erzähln und so hoffntlich auch gleich ein paar deiner Fragn” brummelte der Alte mit gutmütiger Stimme. Rahin ließ sich nicht zweimal Bitten und griff zu, denn der Tisch war vergleichsweise luxuriös gedeckt mit verschiedenen Früchten, Trockenfleisch, Brot und Nüssen. Hier inmitten der Wüste, so nahe an einer Oase, konnten viele Arten von Pflanzen angebaut und mit dem nötigen Wasser das ganze Jahr über versorgt werden, sodass sie mehrmals im Jahr Früchte trugen. Deshalb waren die Marktstände in der Stadt immer reichhaltig mit einem Überfluss an Früchten gedeckt und die Bewohner reichlich versorgt. Während Rahin also kräftig zulangte und seinen Magen und Mund mit wohltuenden Speisen füllten, setzte der Vernarbte zu seiner Geschichte an.

“Es war einmal ein alter Haudegen… ach ne weißte was? Machn wir ganz anders. Ich kürz das en bisschen ab.” Er fummelte an seinem Hemd herum und zog es aus. Auf seiner Brust prangte das Zeichen eines Sklaven und sein ganzer Körper war übersät mit Narben, die von Schwertern und Pfeilen herrührten. Rahin hatte gerade einen Krug zu Trinken angesetzt und verschluckte sich.

“Mein Name ist Ikhlas, ich war mal en Krieger, so wie du. Das iss jetz aber auch schon wieder zehn Jahre her. Die Geschichte is nicht so spannend. Ich komm eigentlich aus einer Stadt im nördlichen Stygien. Dort war ich stationiert, um die Übergänge des Styx zu bewachen und entsprechnd Zölle von den shemitischen Händlern zu kassiern. Unser Hauptmann hatte ne hübsche Frau und… er war nich so ganz der Mann, den sie sich versprochn hatte, also hab ich diesn Platz ausgefüllt.” Er lachte kurz gezwungen, bis ihm das Lachen in der Kehle stecken blieb und er einen Augenblick vor sich hin starrte.

“Der elende Hund hatte davon gehört, dass ich seiner Frau die Nächte verschönerte und konnte das Ganze nicht vor den Männern klären, die längst davon wussten. Also ließ er mich eines Nachts von irgend son paar Halsabschneidern abtransportiern. Die Hunde hattn aber nich vor mich einfach nur im Styx zu ersäufen. Die schafften mich übern Fluss und verkauften mich an diesen fetten Hund, dem ich auch dieses Bild auf der Brust zu verdankn hab”, er rieb sich die Brust, als würde ihm das Mal noch heute Schmerzen bereiten.

“Jo… das wars dann auch schon. Wir kam hier an, ich hab mir inner Nacht einen der Wachn geschnappt, die so hirnlos warn zu nah an den Käfig zu kommen und hab ihn mit bloßen Händn erwürgt, den Bastard. Raus ausm Käfig, rein in das Gesindeviertel der Stadt. Der Fettsack hatte noch zwei Tage nach mir suchn lassen, bis er sich dann endlich aus der Stadt verzogen hatte. Mit dem Mal konnte ich mich nirgends mehr Blicken lassen. Jede Stadtwache hätt mich sofort festgenommen und übern Styx zu schwimmen, inner Hoffnung, meine alten Kameraden würde für mich einstehn, war auch keine echte Wahl. Also hab ichs mir hier gemütlich gemacht”, er deutete mit einer Armbewegung auf das Innere der Hütte.

“Diese Hände”, sagte er, während er seine groben Pranken betrachtete, “könn Stehlen und Töten. Mehr braucht ma hier nich, um in Ruhe gelassn zu werdn”.

Rahin schluckte gerade einen großen Bissen mit einem Schluck Wasser hinunter und platzte dann hervor, “woher wisst ihr, dass ich ein Krieger bin und wieso habt ihr mich befreit? Es war doch ein Risiko für euch. Was versprecht ihr euch davon?”

Der Alte lachte, “haha, na was meint ihr? Seit der Zeit versuche ich den fettn Hund zu ermorden, wenn er sich hier Blicken lässt. Das iss nich gerade häufig und er hat wohl gehört, dass ich ihm ans Leder will. Da ich nich an ihn rankomme, dachte ich mir, stehle ich ihm ein paar seiner Sklavn. Er stellt zwar immer Wachn auf, aber die wissn nich wie ihnen geschieht. Alle noch grün hinter den Ohrn diese Söldlinge, pah! Ich habe schon Shemiten in unwegsamen Ruinen der nördlichen, stygischen Wüste die Köpfe abgerissn, da ham ihre Mütter noch in die Hosen geschissn… nich, dass die Schlampen bis heute damit aufgehört hättn… viel mehr als laufende Scheiße ist das junge Volk eh nich.”

Er hielt kurz Inne, um selbst einen Schluck aus seinem Becher zu nehmen, schaute kurz zu Rahin hinüber, lehnte sich nach vorne und schlug ihm kräftig und ermutigend auf die Schulter, “na jetz! Schau nich so bedeppert, Junge. So iss das Leben eben. Einmal zu viel den Zauberstab Sets in die falsche Schlangehöhle geschobn und schon bezahlste mit dem Leben dafür… Set gibts und Set nimmts.”

“Oh achja, ich hatte von irgend so einem Diener gehört, du wärstn ganz Netter und da ich gesehn hab, dass sich der fette Hund inzwischen nur noch mit sein Wachen ins Bettchen legt, weiß Gott, wasser den armen Jungs antut, dacht ich mir, da hol ich dich doch einfach ma raus. So, jetz kennste die Geschichte. Ich hab ja gesagt, is weniger spannend, als man annehm würde, wenn ma so eim Kauz wie mir durch die Gassn einer nächtlichn Stadt gefolgt is, aber so siehts nunmal aus.” Er verschränkte die Arme, um seinen Standpunkt zu unterstreichen und lehnte sich gemütlich gegen die Wand seiner Behausung.

Rahin hatte sich den letzten Bissen Brot in den Mund geschoben und schaute Ikhlas nachdenklich an. In all dem Trubel hatte er nur reagiert und niemals selbst die Initiative in die Hand genommen, auch hier in dieser Hütte angekommen, hatte er sich einfach nur Treiben lassen und hatte sich fast wortlos den Mund mit Essen und Trinken vollgestopft.

“Ich..,” Rahin nahm eine raue Hand von Ikhlas in beide Hände, kniete sich hin und senkte den Kopf, “ich bin euch zu tiefstem Dank verpflichtet. Verzeiht meine Manieren. Die Umstände haben mich vergessen lassen welches Risiko ihr eingegangen wart und welch’ gute Tat ihr getan habt. Bei den heiligen Schlangen eures Gottes, vielen Dank.”

Ikhlas war von dieser Geste tief im innersten seines alten, grauen Herzens gerührt und half dem immer noch erschöpft wirkenden Rahin auf die Beine, “nichts zu Danken, Junge. Nichts zu dankn. Ich habe nur gemacht, was mir meine altn Knochn befohln habn. Seit die große Schlange mich in diese Lage brachte, folgte ich nur noch meiner Nase und die folgte nur noch dem Wind, der sie in die eine oder andere Richtung drehte. Ha! Es ist schon ein verrücktes Leben”. Ikhlas schüttelte verbittert lächelnd den Kopf und lief hinüber zum Fuße des Bettes, wo das Bündel an Kleidung lag.

“Hier, Junge. Nimm das. Du wirst es brauchn, um dein Mal zu verbergn und dich, nachdem der Kerl seine Suche beendet hat, frei in der Stadt bewegn zu könn’. Komm aber nicht auf die Idee abzuhauen und dein Heil in der nächsten Stadt zu suchn und gehe nicht vor die Tore, wenn die Wachen wechseln. Die Schweine werden dich ansonsten untersuchen, das Mal finden und dich als entflohenen Sklaven einfangn, damit sie sich die fette Belohnung einstreichn könn.” Er reichte Rahin das Bündel an einfacher Kleidung, das aus einer Galabea – eine Art Nachthemdschnitt aus den südlichsten Gebieten (Shem, Turan, Stygien, usw.) des hyborischen Zeitalters – und einem Kopftuch, das man zu einem Turban aufwickelte, bestand und ihn klar als Bewohner des Gesindeviertels identifizierte. Dankbar nahm er die Kleidung an und streifte sich die ockerfarbene, aus einem mittelfeinen Leinen gearbeitete Galabea über. Er schaute an sich herunter und fühlte sich mit vollem Bauch und gehüllt in halbwegs brauchbare Stoffe zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder wie ein Mensch.

Rahin half Ikhlas die restlichen Nahrungsmittel wieder zu verpacken und legte sich dann den übrigen Schlafsack auf einem möglichsten geraden Stück des unebenen, festgetrampelten Bodens zurecht.

“Was wird als Nächstes geschehen?” Er schaute Ikhlas fragend an.

“Ich schätze… der nichtsnutzige Fettsack wird eine wilde Wut bekommn und versuchn dich ausfindig zu machn. Er wird so viele Hütten wie möglich untersuchen, bis das Gesindel zu viel davon bekommt und ihn in hohem Bogen ausser Stadt wirft. Danach werden wir uns en bisschn umschauen. Vielleicht können wir es zu zweit schaffen uns hier einen Namen zu machn. Alleine war mir das imma zu heikl. Aber das sind alles Gedankn, die wir morgen auch noch pflegen könn. Jetz schlaf erstma und keine Sorge, die Tür hält einiges aus.”

Rahin legte seinen Kopf auf die gerollte Decke, die er als notdürftiges Kissen improvisiert hatte und seine Gedanken kreisten. Er war jetzt ein freier Mann, mit dem Mal eines Sklaven auf der Brust und ohne Papiere, die seine wahre Identität beweisen konnten. So sehr er Ikhlas auch zu Dank verpflichtet war, so sehr war ihm der alte Mann unheimlich und beim Gedanken an die rauen, alten Hände, die das Leben des jungen Wachmanns so lautlos ausgelöscht hatten, griff er nach dem Messer, das er sich unauffällig in die Decke seines Kopfkissens eingerollt hatte und hielt es für einen Moment fest. Eine unruhige Nacht stand ihm bevor, eine erste, unruhige Nacht in trügerischer Freiheit.

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  1. RE:Sklavenfeuer – Kapitel 2 Teil 1 | waldgeist.org НПП Валок Крановые и трамвайные колёса

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