Sklavenfeuer – Kapitel 2 – Teil 2

Ein lautes Pochen an der Tür riss Rahin aus dem Schlaf. Sofort fuhr ihm eine Angst in die Glieder, die ihn lähmte. Sie hatten ihn gefunden! Er sprang auf und sah sich wie ein nervöses Tier um, auf der Sache nach einem Ausweg, doch da war nur diese eine Tür und kein Fenster, das ihm eine Flucht ermöglicht hätte. Er sah hinüber zu Ikhlas, der langsam und gemütlich aus seinem Bett aufstand und ihn fragend anblickte.

“Was denn, was denn? So nervös schon so früh am Morgn? Leg dich wieder hin, Junge.” Mit ruhiger Stimme und langsamen Schritt ging er zur Tür und Rahin gefror das Blut in den Adern. Er wurde verraten! Er hatte doch gewusst, dass man diesem alten Mann nicht trauen konnte. Er beugte sich zu seiner Schlafmatte hinab und zog das Messer aus der Bettrolle. Sie würden ihn nicht kampflos überwältigen, nicht noch einmal würde er ohne Erinnerung in einem Käfig aufwachen und willenlos seiner Freiheit beraubt werden!

Die Tür öffnete sich und der Diener, der ihm Essen gebracht hatte, stand an der Tür und blickte freundlich in Richtung des angespannt, zum Kampf bereit stehenden Rahin.

“Der Kleine iss noch ein bisschn aufgeregt wegen Gestern. Komm erstma rein Ishfaq. Der wird sich sicher gleich beruhigen, ” sagte er, während er Rahin einen ernsten Blick zuwarf, “das wird er doch sicherlich, nich wahr Rahin? Beruhige dich endlich, du machst am Ende Ishfaq noch ganz nervös”. Ikhlas bedeutete Ishfaq hereinzukommen und wies ihm einen Hocker am Tisch zu, klopfte ihm freundlich auf die Schulter, setzte sich daneben und sah hinüber zu Rahin, der noch immer ungläubig auf die Situation starrte. Sein ganzes Wesen hatte sich darauf eingestellt, jetzt und in diesem Augenblick um sein Leben zu kämpfen. Er sah an sich hinab und betrachtete das lächerliche Brotmesser, das er krampfhaft in Händen hielt. Dann musste er lachen und zweifelte an seinem Verstand. Er hatte ernsthaft geglaubt mit diesem Messer einen Kampf gegen die Wächter des Sklavenhändlers führen zu können. Kopfschüttelnd lief er hinüber zum Tisch und setzte sich neben Ishfaq und Ikhlas.

“Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, verzeiht mein Herr,” er sah Ishfaq dankbar an.

“Mein Name ist Rahin, Sohn des Tuliak. Ich bin ehemaliger Hauptmann der Garde von Akbitana. In meiner Not wart ihr der Retter und habt mir Hoffnung gegeben, wo ich im heißen Wüstensand keine vermutete. Ich bin euch auf ewig zu Dank verpflichtet.” Er neigte seinen Kopf.

Ishfaq war gerührt, denn schließlich hatte er nur getan, was ihm sein Gefühl sagte. Er war noch nicht so lange in den Diensten des Händlers gewesen und so waren die einzelnen Schicksale eines jeden Sklaven für ihn eine Gräuel. Jedem sah er mit Mitleid nach und jedem Neuling hatte er versucht mehr Essen zu bringen, als es ihm erlaubt war. Er selbst wurde von seinen Eltern als kleiner Junge schon in die Sklaverei verkauft und kannte das freie Leben nicht. Sein erster Herr war jedoch ein gutmütiger alter Gelehrter und so hatte er außer einfachen Hausarbeiten, keine größeren Pflichten gehabt und die Zeit in Gefangenschaft, war für ihn eher wie eine Kindheit bei einem reichen Großvater gewesen. Der Alte hatte ihn Lesen und Schreiben gelehrt, hatte ihn in den Büchern lernen lassen und so einen Gelehrten aus ihm gemacht. Das Mal auf seiner Brust jedoch bestimmte sein Leben und noch ehe der Alte ihn kurz vor seinem Tode endgültig freigeben konnte, hatten die habgierigen Kinder des Alten dafür gesorgt, dass sie noch ihren Gewinn aus seiner Existenz ziehen konnten. Vor einem Jahr wurde er an den Sklavenhändler verkauft und hatte seit dem drei Karawanenzüge mitgemacht und über vierzig Sklaven kommen und gehen sehen. Die Botschaft der Schriftstücke und das große Herz seines alten Herren hatten ihn Demut und Mitleid gelehrt und so berührte ihn jedes Schicksal aufs Neue und er half den Opfern so gut er es eben konnte.

“Ihr beschämt mich mein Herr. Ihr habt es nicht verdient in Sklaverei zu Leben, ihr seid nicht wie ich von euren Eltern verkauft worden. Die Gesetze wurden gebrochen, um euch und so viele andere in diese Situation zu bringen.” Ishfaq neigte sein Haupt gegenüber dem, in seinem Kopf noch immer ihm höher gestellten Herren.

Rahin war erstaunt über die Demut, die dieser Diener an den Tag legte. Er hatte sich immer als einen der einfachen Soldaten und Wächter gesehen. Niemals wollte er der Sohn eines höheren Standes sein, der sich nur durch das Geld und die gesellschaftlichen Bände seines Vaters behaupten konnte. Er wollte schon als kleiner Junge seine eigenen Leistungen vollbringen und aus dem Schatten seines mächtigen Vaters treten. Die Sklaven seines Hauses waren ihm gern zugeteilt, da er sie wie Menschen behandelte, sie teilweise sogar mit Silber für ihre Dienste entlohnte, sodass sie sich trotz ihres unfreien Lebens auf dem Markt heimlich etwas kaufen konnten. Schon als Kind erschien ihm ein anderer Mensch immer dem anderen gleich, egal welche Hautfarbe, Herkunft oder Geburt er auch haben mochte.

“Es ist niemals wirklich rechtens, wenn ein Mensch in Sklaverei kommt. Mir ist klar, dass es unmöglich ist unsere Welt zu ändern und die Sklaverei auch ein wichtiger Teil vieler Gesellschaften geworden ist, dennoch verwehre ich mich dieser Ansicht und werde sie niemals teilen, noch verteidigen. Wie wir geboren werden bestimmt schon mehr als genug. Es gibt keine gleichen Möglichkeiten für alle etwas aus ihrem Leben zu machen. Dieser Umstand ist schon ungerecht genug, ganz ohne, dass einige privilegiert geborene Bürger es sich herausnehmen, andere wie Dinge zu handeln. Ihr müsst euch nicht erniedrigen, egal was die Regeln der Gesellschaft vorschreiben. Regeln wurden eines Tages erst geschrieben, davor gab es sie nicht und deshalb können und müssen sie auch immer wieder hinterfragt und angezweifelt werden.” Rahin hatte sich fast in eine feurige Wut geredet und stand aufrecht, als würde er vor dem Rat stehen und seinen Punkt verteidigen. Ikhlas hatte sich interessiert zurück gelehnt und seine Ausführungen gelauscht, als er langsam anfing zu grinsen und dann laut zu lachen.

“Was? Wieso lacht ihr? Denkt ihr nicht genau so wie ich? Wir zwei sind doch das beste Beispiel für diese Ungerechtigkeit!” Er fühlte sich bloßgestellt und schnaubte vor Wut, da er eine Antwort erwartete.

“Ach Junge,” sagte Ikhlas mit beschwichtigender Stimme, “in unsrer Welt ist so vieles ungerecht, da gilts nimmer zu zähln. Nimm dir was de brauchst und hoff, dass dich keiner dabei erwischt. Aber ich denke du hast schon Recht mit dem was de sagst. Die ganzen Weiber bei denen ich gelegen bin warn irgendwie alle gleich. Mal hübscher, mal hässlicher, mal wilder, mal zarter, aber irgendwie warn sie alle nur Weiber. Die weißhäutige Dame vom Hofe schrie genau so, wie die anderen und vergaß ihre Manieren und die gute Erziehung. Nur wolln das die Mächtign nich hörn. Das würde bedeuten, dass se kein Recht ham uns alle so zu scheuchn wies ihn grad passt, also bleibn die alten Werte bestehn.”

Die Ausführungen des alten Mannes brachten Rahin wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Er war nicht in der Position einen religiösen Kreuzzug gegen die Sklaverei zu führen, ganz besonders nicht, da er selbst ein Sklave geworden war.

Er sah zu Ishfaq hinüber und sagte, “Wie hat der Händler reagiert? Sucht er mich oder vermutet er, dass ich Hilfe bei meiner Flucht hatte?”

Ishfaq antwortete, “Heute Morgen gab es großes Gerede. Er schrie die Wachen an und trat die Leiche des Wachmannes und spuckte auf ihn aus Wut. Er vermutet niemandes Hilfe und lies sofort alle Wachen ausschwärmen, sodass sie die nähere Umgebung untersuchen konnten. Im Augenblick ist er fest davon überzeugt, dass ein Sklave ohne Kleidung und Geld nicht weit gekommen sein konnte. Ich denke, er wird alles daran setzen euch wiederzufinden, da ihr relativ nah an eurer Heimat seid und mit etwas Geschick, könntet ihr zu eurer Familie zurückfinden. Er weiß zwar nicht wer ihr seid, da er euch einer Gruppe Halsabschneidern abgekauft hatte, die wohl den Auftrag bekommen hatten, euch aus dem Weg zu schaffen, dennoch ist er sich sicher bewusst, dass ihr mächtige Verbündete haben würdet. Die nächsten Tage werdet ihr auf jeden Fall in dieser Hütte bleiben müssen, oder, um ganz sicher zu gehen, solltet ihr vielleicht in einem anderen Stadtteil Unterschlupf finden.”

“Aber der Kerl kann doch nicht alle Türen im Gesindeviertel eintretn, um nach Rahin zu suchn. Die Leute hier sind zwar arm, aber nich ganz bescheuert. Die würdn ihm was erzähln und nach kurzer Zeit würd er sich einign blanken Klingen gegenüber sehen.” Ikhlas wollte nicht, dass Rahin die Hütte verlässt, da er seit langer Zeit der erste Vertraute war, der im selben Boot saß und zugleich im Kampf geschult war. Er hatte sich erhofft nach der Abreise des Sklavenhändlers seine Geschäfte mit Rahin ausweiten zu können. Ein zweites paar Fäuste konnte in Akhlat den Unterschied zwischen Jäger und Gejagtem machen. Dennoch war er sich über die Möglichkeit bewusst, dass der fette Wicht im Falle von Rahin nicht so schnell würde aufgeben können, wie er das bei ihm, weit entfernt von einem feindlich gesinnten Zuhause, hatte tun können.

Der Diener wandte sich dem Hauptmann zu.

“Ich befürchte mein Herr, dass ihr etwas mehr wert seid und er deswegen auch bereit wäre deutlich mehr Geld in die Hand zu nehmen, um euch aus dem Versteck zu locken. Ihr wart ein außerordentlich gutes Geschäft. Wer auch immer euch von der Bildfläche verschwinden lassen wollte, war nicht nur grausam, sondern auch sehr wohlhabend”.

Rahin kam ins Grübeln. Neben all den Fluchtgedanken waren immer wieder diese Vermutungen aufgekommen, diese Gedanken an den Übeltäter, der dieses unfreiwillige Abenteuer erst losgetreten hatte. Aber diese Gedanken würden ihn jetzt nicht weiterbringen und so verbannte er sie aus seinem Geist und versuchte eine Lösung für das jetzige Problem zu finden.

“Ihr solltet dringend wieder zurückgehen und allen bei der Suche nach mir helfen. Ich möchte es nicht verantworten müssen, dass euch, der mir so viel Güte und Hilfe zu Teil werden ließ, etwas zustößt. Bitte geht kein weiteres Risiko ein, ihr habt schon genug für mich getan.” Mit Nachdruck sah er dem Sklaven des Händlers in die Augen und versuchte seinen Worten noch mehr Gewicht zu verleihen. Er würde jetzt erst einmal überlegen und zusammen mit Ikhlas die nächsten Schritte genau planen müssen  und dabei wäre Ishfaq keine Hilfe.

Ishfaq war sich über die Gefahr in die er sich gebracht hatte bewusst, wollte aber die Informationen, die er gesammelt hatte unbedingt weitergeben, da er befürchtete, dass der Händler diese Hütte finden würde.

“Ich werde zurück zum Händler gehen und ihr könnt euch derweil überlegen, welche nächsten Schritte ihr unternehmen werdet, um euer Leben in Sicherheit zu bringen. Viel Glück”. Er stand auf, nickte den beiden ehemaligen Kriegern zu, verließ zügig die Hütte und verschwand in den engen Gassen des Gesindeviertels von Akhlat.

Im Innern der Hütte herrschte betretenes Schweigen. Viele schwere Worte waren gesagt worden und die Handlungsmöglichkeiten für alle Beteiligten waren zugleich gefährlich eingeschränkt und doch so unsicher und offen. Ihre nächsten Schritte würden über Freiheit oder Gefangenschaft entscheiden.

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