Sklavenfeuer – Kapitel Eins – Teil 4

Die Karawane war einige Tage weiter gezogen und Rahin hatte während all den Tagen versucht seine Maskerade aufrecht zu erhalten. Der Mantel war noch immer gut unter dem Stroh versteckt, dass ihm am Tage Schutz vor der Sonne bot, er hatte sich Nahrung, sowie Wasser stark eingeteilt und über den Tag immer versucht so viel wie möglich zu Schlafen, um nicht unnötig Energie zu verbrauchen. Langsam jedoch kamen ihm Zweifel an seinem Vorgehen und er war sich nicht mehr so sicher, dass es für ihn ein Entkommen gab. Ohne konkrete Pläne oder eine Möglichkeit, eine Lücke in der Überwachung, oder einem Weg aus diesem Käfig zu entkommen, würden alle Hoffnungen vergebens sein. Er hatte viel darüber nachgedacht, bei welchem Gelegenheiten er aus diesem Gefängnis entfliehen würde können, aber ohne äußere Einwirkung, zu diesem Schluss war er gekommen, gab es keine Möglichkeit.

Der Wagenzug war schon eine Weile an diesem Tag unterwegs und der Sonnenlauf war einige Stunden nach Mittag fortgeschritten, da kam wieder ein Rufen vom Kamelführer an der Spitze.

„Wir sind gleich an der Oase, nach diesem Hügel sollten wir das fruchtbare Tal sehen“, rief er mit freudiger Stimme zu seinen Kollegen hinüber.

Diese Worte waren für Rahin wie ein Schlag in den Magen. Der Tag war gekommen. Er markierte für ihn den Gipfel seiner Anstrengungen. Befreiung oder Untergang, für ihn schien es nur diese Möglichkeiten zu geben und da ihm noch immer kein brauchbarer Fluchtplan eingefallen war, schien ihm der Untergang, das Leben als Sklave, sehr viel wahrscheinlicher. Ein Gefühl der Erschöpfung lag auf seinen Schultern, obwohl er so erfolgreich überlebt hatte, schien jetzt die Niederlage unausweichlich.

Wie der Kameltreiber gesagt hatte, öffnete sich ihnen der Blick auf ein fruchtbares Tal. In einer Senke, die von ihrem gedachten Rand über vierzig Schritt tiefer lag, war ein glänzende Oberfläche zu sehen. Die Senke hatte die Form zweier Ovale und ebenso die Wasseroberfläche folgte dieser Grundform, die sich über die gesamte Senke fortsetzte. Direkt um das kühle Nass herum, hatte sich Schilf ausgebreitet und einige Meter entfernt standen Palmen, deren Wurzeln im Grundwasser der Oase standen und sich so im trockenen Boden am Leben erhielten. Die Senke selbst hatte massive Ausmaße und insgesamt, war sie sicher einige Kilometer breit. Hinter den Palmen türmten sich Gebäude auf. Die Dächer von Akhlat ragten über die Bäume der Oase auf und ihre spärlich geweißelten Bauwerke glänzten in der Sonne.

Als der Wagenzug in die Senke hinab rollte, konnte man erkennen, dass die Stadtmauer den zentralen See halb einrahmte und man so von Seeseite einen offenen Blick auf die Stadt selbst gewinnen konnte. Das Seeufer war dicht mit schäbigen Hütten bebaut. Die Wände waren aus Schilf und Kameldung, gemischt mit einer Art von Sandzement erbaut, dann mit Kalk oder hellem Schlamm bestrichen und versiegelt worden, sodass der Wind, Feuchtigkeit und auch der heftige Regen, der über eine Wüste fegen konnte, den Schilf in den Wänden nicht verfaulen ließ. Die meisten dieser Wohnstädten bestanden nur aus einem, mal größerem, mal kleinerem, Raum und einem Stockwerk. Sie hatten ein ebenso konstruiertes Dach, dass Abflusskanäle an den Außenrändern hatte, damit sich kein Wasser ansammeln konnte. Fenster waren gar nicht, oder nur sehr klein und spärlich vorhanden, sodass über die heißen Mittagsstunden, die Hitze nicht nach Innen dringen konnte. Die gesamte Konstruktion dieser Häuser war darauf ausgelegt, Feuchtigkeit von Innen nach Außen zu transportieren und die Wärme draußen zu halten, da die Bewohner sich am Tag kaum blicken ließen und das Leben in Akhlat erst in den frühen Abendstunden so richtig begann. Neben diesen kleineren Hütten gab es weiter zum Stadtzentrum hin größere Gebäude, die aber auf die gleiche Weise gebaut waren, mit der Ausnahme, dass der Verputz sorgfältiger und heller war und sich einige bunte Verzierungen und Borten um die Gebäude zogen. In der Abendsonne wurde die Stadt in ein tiefes Rot getaucht und verlieh dem eigentlich weißen Anstrich das Aussehen von getrocknetem Blut. Besonders der fleckige Putz verstärkte diesen Eindruck, da er dadurch so aussah, wie mehrere Schichten Blutkruste, auf einer schorfigen Wunde.

Die Karawane folgte einem Pfad, der durch die vielen Wägen, die hier Tag ein, Tag aus vorbei kamen, plattgewalzt war und so den Rädern der Wägen mehr Halt bot, als der lockere Sand oder das Geröll der Wüstenwege, die täglich von so viel neuem Sand und Staub überdeckt wurden, dass sie sich niemals ganz befestigen ließen. Der Weg schlängelte sich den mittleren See entlang nach rechts und dort zwischen einer Allee aus Palmen hindurch auf ein Stadttor, das mit zwei großen Holztoren befestigt worden war.

Als sie auf dem Pfad dem See näher kamen, wünschte sich Rahin ins Kühle Nass hinein zu springen, um sich den Staub aus den Knochen und die Dürre aus der Seele zu waschen und seine Glieder frei und unbeschwert im Wasser strecken zu können. Die roten Wände von Akhlat kamen dennoch unbarmherzig näher.

An den Toren der Stadt standen zwei einfacher Wächter mit Helebarden bewaffnet und hielten den Händler an. Die Soldaten schienen den Kopf zu schütteln und wiesen den Händler den Pfad, vom dem er gekommen war. Rahin konnte von hier hinten seine fetten Hände wild hinter seinem Tuchzelt hervor gestikulieren sehen, als sie plötzlich verschwanden und einen ausgebeulten Tuchbeutel zum Vorschein brachten. Der Beutel fiel in die Hände eines der Wachen, der ihn vorsichtig abwog und einen Blick hinein riskierte. Er schaute zu seinem Kollegen hinüber und nickte nur knapp, woraufhin der, den Weg in die Stadt freimachte und mit seiner linken Hand eine einladende Geste vollführte. Der Sklaventross setzte sich sogleich wieder in Bewegung und rollte weiter in die Stadt hinein, während sich die beiden Wachen höflich verbeugten. Im Vorbeifahren konnte Rahin sehen, wie eine der Wachen den Inhalt des Beutels, einige Silberstücke, auf seine Handfläche entleert hatte, die Münzen zwischen seinen Fingern tanzen ließ und dabei zufrieden grinste.

Kaum hatten sie die Stadtmauer passiert, da bogen sie schon in eine Seitenstraße ab. Scheinbar war die Ankunft dieser bestimmten Karawane in der Stadt nicht begrüßt worden und es mussten erst ein paar Silbermünzen den Besitzer wechseln, bevor die Menschenhändler Einlass in Akhlat bekommen hatten. Der Weg führte sie an der Mauer entlang, in ein Viertel, das in den Randbezirken lag und offenbar nur von Abschaum und gescheiterten Existenzen bevölkert war, wie der erbärmliche Zustand der Behausungen erahnen ließ. Da die Hitze des Tages inzwischen mit der Sonne hinter dem Rand der Senke verschwunden war waren die Gassen von Pennern und zwielichtigen Gestalten bevölkert, unter deren Mäntel man hin und wieder das Blitzen blanken Stahls erahnen konnte.

Nach einer weiteren Biegung kam der Wagenzug in einer Sackgasse zum Stehen. Das Kamel des Händlers wurde vom Treiber dazu gebracht sich hinzuknien und wenig später quälte sich der Wicht von seinem Sitz herab und verschwand in einer der Hütten. Der Rest der Wachen und Diener wusste wohl ohne weitere Erklärungen, was zu tun war, denn alle stiegen von ihren Kamelen, entluden die schweren Lastkörbe in verschiedene Hütten und vertäuten die Kamele. Einige verschwanden ebenso für die Nacht in verschiedenen Hütten, während andere am Eingang der Seitengasse Wache hielten und dafür sorgten, dass sich niemand den Kamelen oder den Wägen näherte. Rahin war von dieser Entwicklung nicht gerade erfreut. Der fette Wanst hatte scheinbar an alles gedacht und jeder Punkt seiner Route war schon einmal bereist worden und somit war es unwahrscheinlich, dass sich ein Fehler im System auftun würde, der ihm die Möglichkeit zur Flucht gewähren würde. Erschöpft von dieser Einsicht legte er sich schlafen.

Mitten in der Nacht wachte er wegen eines Geräusches an der Eingangsklappe seines Wagens auf. Er schnellte hoch, jedoch nicht schnell genug, denn schon tauchte eine Gestalt über ihm auf und stülpte ihm einen Sack über den Kopf und er spürte, wie sich ein Seil um seine Arme legte und zugeschnürt wurde, während er von mehreren Seiten mit Knüppelschlägen bedacht wurde, die ihn wohl davon abhalten sollten Gegenwehr zu leisten. Unsanft wurde er am Seil nach vorne gezerrt, der Boden seines Wagens sackte unter ihm weg und er schlug hart auf dem festgetrampelten Boden des Armenviertels auf. Die Luft entfloh seinen Lungen und er war für einen Augenblick einer Ohnmacht nah, dann zogen ihn vier kräftige Arme wieder auf die Beine und er hörte, wie sich eine Tür vor ihm öffnete und dann wieder hinter ihm schloss. Dann drückten ihn die zwei kräftigen Männer auf eine Holzliege. Kaum lag er dort, wurden seine Beine festgebunden und er konnte dumpf durch die Stofflagen um seinen Kopf zwei Personen sprechen hören.

„Der abgemachte Betrag“, sagte eine Stimme.

„Wie immer, wir verstehen uns doch“, sagte eine andere, die ihn stark an die des unförmigen Sklavenhändlers erinnerte.

„Dann mache ich mich an die Arbeit. Es sollte wie üblich zwei bis drei Stunden dauern…“ die Stimme kam näher an Rahin heran und er hörte einige Augenblicke später zuerst das Klopfen von Holz auf Stahl und spürte sogleich einen brennenden Schmerz auf der Brust, als irgend eine Nadel in seine Haut eindrang. Der Schreck lies ihn zusammenzucken.

„Na na, nicht so zappeln, sonst misslingt mir mein Kunstwerk“, beschwichtigte ihn die Stimme, die nun direkt über ihn gebeugt war.

Wieder das Klopfen und wieder dieses Stechen, dann schien der Hammer einen Rhythmus gefunden zu haben und wie ein unheiliger Steinmetz meißelte der Schmerz ein Bild in die Brust Rahins.

Sein Sklavenmal war nach zwei Stunden der Pein vollendet und niemand, außer seinen nächsten Verwandten, würde ihm mehr glauben, dass er kein wertloses Stück Fleisch war, das man wie eine Ware verkaufen konnte. So bekam der widerliche Händler seinen Nachschub, dachte sich Rahin. Normale Bürger wurden in ihrer Heimat entführt und dann illegal mit dem Sklavenmal versehen, sodass er sie weit weg von bekannten Gesichtern verkaufen konnte. Ein Schluck Alkohol, der wie Feuer in den vielen kleinen Löchern der Tätowierung brannte, war der Abschluss einer Tortur, die Rahin, mit Gedanken der Verzweiflung schlussendlich das Bewusstsein raubte. Er bekam nicht mehr mit, wie ihn die Lakaien lachend zurück in seinen Käfig trugen.

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