Die Universum-Verschwörung

Im Bus zum Flughafen – eine Reise nach London steht an – bin ich auf einen außerordentlich verärgerten Busfahren getroffen und habe mir sogleich das erste verfügbare Fettnäpfchen geschnappt, um dem Herren den Tag zu versüßen, oder so zumindest verhielt er sich.

Ich betrat wie immer den Bus, nannte mein Reiseziel und wartete auf eine Antwort… diese blieb aber aus, also bückte ich mich leicht, um die Preisanzeige betrachten zu können, zückte die benötigten Münzen und legte sie auf den Kassiertisch vor dem Fahrer. Da dieser für etwa 10 Sekunden nicht reagierte, fummelte ich das Geld selbst in die Löcher, woraufhin er erbost anfing irgendwas zu brummeln und dann in eine Hasstirade verfiel und mich beschimpfte, wie blöd ich denn sei und was mir einfiel. Ich entschuldigte mich und versicherte ihm, dass ich EUR hineingeworfen hatte und er sich selbst überzeugen könne, indem er von oben in das Einwurfloch hineinschaute; das genügte dem Herren aber nicht, er wollte sich gar nicht überzeugen und wetterte weiter, wer so etwas denn machen würde und überhaupt. Ich entschuldigte mich abermals und versicherte ihm erneut, dass ich ihn nicht betrügen wolle, ich keine türkischen Lira bei mir tragen würde und setzte mich an einen Sitz und dachte über die Situation und den Generalverdacht nach, unter den mich der Busfahrer gestellt hatte.

Die Busfahrt schritt fuhr fort. Etwa zehn Minuten Fahrt später hielt der Bus für eine Weile an einer Haltestelle, da er wohl Zeit aufgeholt hatte und da es draußen regnete, hielt der Fahrer die Türen geschlossen.

Und da geschah es wieder, das Universum hatte sich sicherlich gegen den armen Mann verschworen. Ein Duo von Frauen ging zur Fahrertüre und wollte offensichtlich einsteigen, der Steuermann hielt es aber nicht für nötig die Türen zu öffnen, weswegen die beiden begannen nach einem Türöffner zu suchen. Entschlossen betätigte eine der Frauen den Notöffner und setzte gekonnt mit einer Handdrehung die Hydrauliktür außer Kraft. Es war wieder Zeit für eine neue Tirade und so sprang der Fahrer auf, drückte die Türen auf (die ja jetzt nicht mehr funktionierten) und brüllte die zwei verwirrt-dreinblickenden Frauen an, ob sie noch ganz dicht seien, wie man sowas denn machen könne und ob das Universum sich gegen ihn verschworen habe (ok der letzte Teil war erfunden, aber ich bin mir sicher, genau das ging in seinem Kopf vor). Die beiden Frauen verstanden kein Wort, denn sie waren des Deutschen nicht mächtig und konnten so auch die Warnbeschreibungen am Notfallschalter nicht lesen. Das interessierte freilich unseren Fahrer wenig, der wetterte weiter, während er versuchte seine Bustüre wieder zu reparieren.

An der Stelle hörte ich die umstehen Fahrgäste tuscheln. Sie alle waren der Meinung des Busfahrers. Wie könne man nur. Was den beiden denn einfallen würde und ich dachte mir… “sind die beiden Frauen heute Morgen aufgestanden und haben sich gedacht, dass sie heute einem Busfahrer so richtig den Tag versauen wollen. Haben sie durch die Glastüren gelinst, das grummelige Gesicht gesehen und ihr Opfer ausgewählt? Gibt es einen logischen Grund anzunehmen, dass all dies nur geschah, um den Busfahrer zu ärgern und die beiden älteren Frauen die Bustür mit Absicht außer Kraft gesetzt haben?” Wenn man die Fragen so stellt, ist die Antwort sicher jedem klar. Trotzdem waren fast alle Fahrgäste um mich herum sofort der Meinung, es war absolut richtig, die zwei Frauen zusammenzufalten und sich aufzuführen, wie eine männliche Furie.

An der Stelle habe ich dann kurz über meine Reaktion in solchen Situationen nachgedacht. Wie häufig regen wir uns über unsere Mitmenschen auf, weil wir ohne nachzudenken annehmen, alles was sie tun, sei nur dazu da uns den Tag zu versauen? Wie häufig unterstellen wir anderen immer das schlimmste? Wie viel Streit und Unbill entsteht selbst in langjährigen Partnerschaften nur, weil man annimmt, die Handlungen anderer stünden in einer direkten Beziehung zur eigenen Person?

An dieser Stelle werden sicher einige sagen, dass man ja so nicht denken kann. Trotzdem handeln aber die meisten Menschen danach, da wir uns selbst unterbewusst in solchen Situationen die Welt immer durch das ich-zentrierte Weltmodell erklären. Egal wie erwachsen wir auch sein mögen, das kleine Kind steckt im Kern und um diesen Kern dreht sich das Universum. Erst wenn wir uns kurz eine Sekunde Zeit nehmen, uns die Situation bewusst machen, sind die meisten von uns zu einer differenzierten Betrachtungsweise fähig.

Ich kann auch nicht ehrlich behaupten, dass ich den Frauen gegenüber so gnädig gedacht hätte, wenn ich nicht direkt davor Opfer eines ähnlichen Missverständnisses geworden wäre. Aus diesem Grund werde ich jetzt, solange ich mich an die Sache erinnere, was auch der Hauptgrund für diesen Text ist, versuchen, etwas bewusster auf die Lauer legen und auch mich selbst und meine Reaktionen auf solche oder ähnliche Situationen betrachen.

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