Tube-Town ich komme – Tag Eins

Eine kurze Zugfahrt zum Flughafen Zürich und schon war ich in den Lüften in die Hauptstadt der Teetrinker. Der Himmel hatte mir eine Herde Schäfchen in die Wolken gemalt und über den Feldern von Frankreich wagte ich zitternd einen Blick aus dem Fenster – ich habe Flugangst. Der Anblick war dann aber so schön, dass ich mir etwas entspannter ein Buch zur Lektüre nahm – The Elements of Typographic Style – und mich über den Wolken grenzenlos frei wissentlich bereicherte.

Der Anflug auf London Heathrow war etwas holprig und mein Magen tanzte zur Belustigung seiner Mit-Organe Samba. Schwitzend, aber lebendig gelandet, begrüßte mich gleich ein gut bekannter Schweizer. Nicht etwa Tarib, sondern die Flughafen-Schrift schlechthin, Frutiger; die vom eben gleich-genannten Schweizer Adrian Frutiger gestaltet wurde und über die Jahrzehnte den Weg in viele Flughäfen der Welt gefunden hat. Vielleicht fragt sich jetzt mancher, wieso mir das auffiel; deshalb verweise ich erneut auf meine Lektüre während des Fluges. Seit etwa einem Jahr vertiefe ich mich nun schon in die Typographie und habe große Freude daran Schriftarten in der Öffentlichkeit zu bestimmen/erkennen und mein Wissen zu erweitern. An dieser Stelle sei den Gestaltern des ansonsten netten London-Heathrow Airport aber ein typografischer Tadel gegolten. Manche Schilder waren unverständlicherweise in einer blockigen Serif-Schriftart gesetzt, die so gar keinen Platz im Schilderwald, oder der Informationshierarchie fand und hier und da stolperte man über die alt-bekannte Helvetica. Schade eigentlich, denn das Leitsystem konnte mich ansonsten ganz gut durch den Flughafen geleiten.

Dann stapfte ich zu einem Informationsterminal, wo ich einen freundlichen Herren darüber befragte, wie ich denn am schnellsten zu meinem Hotel finden könne. Das war ein Infostand für Heathrow connect, einem Zugsystem, dass den ambitionierten Businessreisenden und Touristen schnell ins Stadtzentrum bringen sollte. Ich erklärte ihm, dass ich etwa zur Underground-Haltestelle Knightsbridge, unterhalb des Hyde Parks, gelangen wollte. Daraufhin schaute er mich etwas verwirrt an und meinte “you’d be better off takin’ the tube, man”. Dafür erntete er von mir als London-Neuling nur einen unverständlichen Blick. Er nahm dann Haltung an und formulierte für mich in feinstem Oxford-English – er nahm wohl an, dass ich ihn nicht verstanden hatte – “the train only drives till Paddington station. You should rather take the tube on Piccadilly line”. Da fiel bei mir endlich der Groschen und ich war um eine Erfahrung reicher. Die “Tube” ist der umgangssprachliche Begriff für die U-Bahn Londons.

Also ab in das unterirdische Verkehrsmittel. Als Nicht-Städter war das meine erste Fahrt in einer U-Bahn, da ich bisher nur oberirdische Züge kannte. Die Sitze waren extrem niedrig, so wie auch die Decke, die höchstens 1,95 hoch war, zu den Seiten rund abfiel und so kam ich mir vor, als säße ich in einer Hobbit-Bahn; noch dazu in einer etwas älteren, da die Reise zur Knightsbridge Station so holprig von Statten ging, als wäre ich direkt in die Anfänge der Eisenbahn katapultiert worden. Sogar das charakteristische ratatatata der alten Eisenbahnwägen, wenn sie über die, heutzutage mit Gummistücken gelätteten, Zwischenräume der Schienen fuhren, ist hier erhalten geblieben. Steampunk-Town.

Angekommen im Hotel blieb mir erstmal die Spucke weg. Es lohnt sich ein Illuminaten-Informant zu sein. Mein Hotel-Zimmer ist größer als meine halbe Wohnung. Eine bequeme Couch lädt zum Verweilen ein und ein Lederstuhl am, mit einer Glasplatte bedeckten, Tisch, zum stilistisch einwandfreien Arbeiten.

Neben dem Hotel ist der Hyde-Park und ich bin für eine viertel Stunde darin herumspaziert, habe mir die furchtlosen Eichhörnchen angeschaut, die bis auf einen Meter herankommen und einfach nur so verteufelt süß dabei sind, dass ich mir am liebsten eines eingepackt hätte. Ganz spannend fand ich aber dann, dass direkt an einer Barclay’s Fahrrad Mietstation eine junge Frau, unter dem wachsamen Auge ihres Vaters, Fahrrad fahren lernte. Als Landei ist dieses Bild befremdlich, da ich mir kaum vorstellen konnte, dass eine fast erwachsene Frau kein Fahrrad fahren kann. Menschen in einer großen Stadt leben eben nach ganz anderen Gesichtspunkten. Immer wieder spannend.

Jetzt werde ich mich wohl erstmal mit Nahrung erfüllen, um dann morgen mit vollem Elan die Vorbereitungen für das Presse-Event am Mittwoch und Donnerstag zu treffen.

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