in Dies und Das

Ciao Italia! Ciao Milano!

Ich war noch niemals in Italien. Diese Aussage alleine dürfte in Deutschland schon für Verwirrung sorgen, da wir geschichtlich geradezu verbandelt sind mit dem stiefelförmigen Land am Mittelmeer. Italiener haben Deutschland nach dem Krieg geformt, unsere Speisekarte als eine der ersten fremdkulinarisch ausgebaut, unsere Frauen geschwängert und insgesamt für ein bisschen mehr Farbe in Nachkriegsdeutschland gesorgt. Zum Dank sind wir dann zahlreich, gesponsert durch den Wirtschaftsboom und die fetten Jahre, nach Italien gepilgert und haben Italiens Tourismusindustrie auf den Plan gerufen.

Die erweiterte Tatsache, dass ich direkt an der Schweizer Grenze, kurz vor den Alpen und damit in Spuckreichweite vom Comer-See wohne, macht das ganze noch merkwürdiger. Da ich jetzt aber schon über vierzehn Jahre mit einer Italienerin zusammen bin, ist es geradezu frevelhaft, dass ich mich noch nie im Land süßen Weines und der lautstarken Handsprache habe blicken lassen.

Diese Woche war es dann so weit. Meine Freundin und ich hatten den Entschluss gefasst, uns mit dem Auto durch die Alpen zu wälzen und in Mailand für zwei Tage ein bisschen Italien zu schnuppern. Dass wir Italien nicht nur geschnuppert, sondern auch gegessen haben und ich 1,6kg in Form von Hüftgold mit nach Hause gebracht habe, tut hierbei nichts zur Sache.

Die Autoreise war wundervoll. Als Flachlandbewohner ist man sonst nie so von den majestätischen Bergen, den weißen Spitzen und den schwungvoll fließenden Serpentinen, die einen den Berg hinauf und hinab geleiten, eingekesselt.

Auf dem Hinweg entschied sich unser Navi uns von der Autobahn herab zu leiten (blindes Vertrauen in Technik jaja…) und führte uns über eine alte Serpentinenstraße durch ein kleines schweiz-italienisches Bergdorf, das meine Freundin frohlocken ließ, da sie sich sofort an ihre Heimat in Süditalien erinnert fühlte (d.h. kaputte Häuser und Straßen – mehr Schlaglochpfad als Teerfläche, vergilbte Schilder, abgeblätterter Lack, verbeulte Autos. Heimat ist für jeden eben was anderes). Ich fand die Serpentinen prima. Mein Auto auch. Meine Freundin nicht.

Als wir dann über die Grenze kamen, der erste Kulturschock. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden in Italien anders gelesen, als geschrieben. Es scheint eine Art von internen Faktor zu geben, mit dem Italiener ihre Verkehrsschilder lesen. Wenn da etwa steht 60, dann fahren alle 120. Wenn da 80 steht, dann ist 140+ angesagt. Gibt es keine Beschränkung, dann ist die gesetzliche Beschränkung auf 130 mit der Einladung zur beliebigen Geschwindigkeitsüberschreitung zu deuten. Da ich mir nicht sicher war, wie sich dieser interne Faktor berechnet, ich aber nicht als deutscher Schleichonkel auffallen wollte, habe ich mich einfach an den schnellsten Italiener rangehängt und bin über die unfassbar schlecht gebauten Autobahnen geflogen. Ein Teufelsritt mit Adrenalingarantie. In Mailand selbst lernte ich ein weiteres Kommunikationsmittel der Italiener. Nicht nur Hände, sondern auch Hupen sind als Universalkommunikationsmittel zu gebrauchen. Wenn man also abbiegt, hupt man. Wenn man das nicht macht, dann macht es sicher irgend ein anderer, der unzufrieden ist über den Abbiegevorgang, das Wetter oder das Mittagessen daheim. Wenn man über eine rote Ampel fährt, weil man es grad eilig hat und nicht warten will, hupt man einfach. Wenn man mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, die Ampel zu rot ist, die Frauen zu dick, der Vordermann zu langsam… einfach hupen.

Nicht nur der Verkehr, sondern auch der Schlafplatz des heiligen Gefährts ist Grund zur Sorge. Obwohl es ein gut ausgebautes S-Bahn Netz gibt, möchte anscheinend trotzdem jeder Mailänder sein eigenes Auto haben. Die Stadt war also vollgestellt mit Autos. Jeder Fleck, der nicht offensichtlich als Privatgelände tituliert war, wurde zum Parkplatz definiert. Die Gehsteige wurden zweireihig zugestellt und die spärlichen Grünflächen zwischen den Bäumen (Mailand ist ziemlich grün für eine Stadt) unter der Autolast erdrückt. Kurzum: Es war kein Platz für uns und unseren Golf. Aber halt, da ist ja ein Parkhaus. Denkste. Hier ist ein Parkhaus ein Privatparkplatz, der von Mitarbeitern beparkt wird. Ich musste also meinen Autoschlüssel abgeben, bekam eine Quittung und ein kleiner Asiate machte sich sogleich daran mein Auto irgendwo zwischen die anderen, durchweg teuren, Karossen zu parkieren parken. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch rollten wir unsere Koffer zum nahegelegenen Hotel.

Nachdem wir eingecheckt hatten, machten wir uns auf in die Stadt und atmeten die Atmosphäre Mailands. Eine wundervolle Stadt, vollgefüllt mit Flair, schönen Gebäuden, protzigen Parks, Geschichte, Mode, Menschen und nervigen Afrikanern, die einem irgend einen Mist andrehen wollen, bis man schnell lernt Augenkontakt zu vermeiden und mit einem bestimmenden “No!” ihren Verkaufsschwall im Keim zu ersticken.

Mitten in der Stadt steht das Castello Sforzesco. Eine beeindruckende Festung/Schlossanlage, deren größter Charme eine Katzenmannschaft im Burggraben darstellt, die uns beide in Verzückung stürzte. Ein Glück für die niedlichen Biester, dass der Graben tief genug war, sonst wären sie dem Knuddeleifer von Geraldine hilflos ausgeliefert gewesen.


Wir verbrachten dann den Tag damit, unser Geld in den verschiedenen Läden Mailands liegen zu lassen, uns den Bauch mit italienischem Essen vollzustopfen – ein toller Stand namens il Siciliano freute uns besonders, da er Arancini und allerlei süditalienische Köstlichkeiten zu fairen Preisen anbot – und die Atmosphäre der Stadt zu genießen. Als Muttersprachlerin konnte Geraldine das Reden übernehmen, was zugegebenermaßen ungewohnt war, da ich sonst die Schnatterschnute von uns beiden bin, und so alle Geschäfte für uns erledigen. Einige der Verkäufer/Bedienungen waren sofort entspannter und freundlicher, als sie merkten, dass Geraldine eine “von ihnen” war.

Woran bemerkt man einen anderen deutschen Urlauber in Mailand? Nicht etwa nur daran, dass er deutsch spricht, nein, er motzt. Jedes deutsche Gespräch, das wir mitbekamen war irgend eine Beschwerde, Kritik oder negativ gefärbtes Kommentar. Aber auch andere Kulturklischees wurden von den anwesenden Touristen befriedigt. Wir saßen in der Fußgängerzone unter einer Straßenlaterne auf einer Parkbank, als eine ältere Frau mit einem kleinen Salatteller sich hinter uns setzte. Sie kam gerade aus einem der vielen Restaurants. Auf meinen fragenden Blick monierte sie “we are not allowed to eat outside”. Ihr Akzent verriet ihre französische Herkunft. Aufgrund der Tatsache, dass natürlich jeder draußen sitzen will, zahlt man einen Aufpreis von 2€ für die Straßenplätze. Sie hatte sich ihren Salat drinnen gekauft und wollte sich dann draußen hinsetzen. Der Kellner verwies sie des Platzes, denn auch die Karten für drinnen und draußen hatten andere Produkte und Preise. Ganz typisch Französin protestierte sie, indem sie sich demonstrativ auf die Parkbank setzte und so eben doch draußen essen konnte. Großartig wie sich die kulturellen Unterschiede in uns allen manifestieren :D.

Es waren zwei tolle Tage in Mailand. Die Menschen sind sehr warmherzig, freundlich und direkt, ohne aufdringlich zu sein, wie so manche(r) Verkäufer in Deutschland und die Klamotten, Schuhe und Produkte sind von toller Qualität und einer Vielfalt, die man hier in Deutschland vergeblich sucht.

Als wir uns am nächsten Tag gegen 16 Uhr auf den Heimweg machten, hielten wir noch schnell an einem Lidl(!) und machten das Auto bis oben hin voll mit italienischen Produkten, die man in Deutschland nicht so einfach bekommen kann (Fonzies!) und fuhren dann glücklich, dicker und ein bisschen ärmer zurück nach Hause. Italien, wir sehen uns bald wieder, so viel steht fest.

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  1. Das klingt ganz so als sollte ich dort auch mal Urlaub machen, auf dem Weg nach Süden dann kurz bei dir auf nen Kaffee vorbeschneien und dann weiter die Serpentinen hoch (von denen mir meine Mutter immer soviel erzählt hat).

    Dein Schreibstil nimmt einen immer so mit… als wär man direkt dabei gewesen.
    Danke für diesen kleinen Ausflug aus dem regnerischen Norden.

    Ich brauch Urlaub… ach und Geld :D